Colson Whitehead: Die Nickel Boys

Nicht ganz so aufsehenerregend wie Underground Railroad, aber doch groß besprochen wurde Colson Whiteheads neuer Roman Die Nickel Boys, für den er 2020 den Pulitzer Prize for Fiction erhielt.  Wieder hat sich Whitehead für ein wichtiges Thema entschieden, das allein schon für Aufmerksamkeit sorgt: die Zustände in einer sogenannten Besserungsanstalt für Jungen in Florida Anfang der 1960er Jahre.

Der junge Schwarze Elwood wächst behütet durch seine strenge Großmutter in einer schwarzen Nachbarschaft auf, lernt Fleiß und Ehrgeiz, Höflichkeit und auch, den Blick stets gesenkt zu halten, sobald Weiße den Raum betreten. Als einer der ganz Wenigen darf er ein College besuchen – doch bevor es dazu kommt, landet er durch einen blöden Zufall in einem gestohlenen Auto und wird in die Nickel Academy gesteckt. Hier soll er ordentliches Verhalten und einen Beruf erlernen. Doch was Elwood hier vor allem lernt, ist, dass es mit dem ordentlichen Verhalten nicht weit her ist. Er, der so viel Wert auf Anstand und Aufrichtigkeit legt, ist in einer solchen Welt verloren. Denn wer im Nickel den Mund aufmacht, wird bestraft. Und als Elwood einem jüngeren Schüler hilft, als dieser von anderen drangsaliert wird, landen sie alle, Opfer wie Täter, im weißen Haus, in dem die Schreie seiner Besucher von den Wänden widerhallen. Von seiner ersten Prügelstrafe behält Elwood sein Leben lang Narben verschiedener Art zurück.

Trotz allem ist Elwood fest entschlossen, das Nickel bald wieder zu verlassen, und zwar als einer der erfolgreichsten Absolventen, um dann sein Leben wieder aufzunehmen. Gleichzeitig kann  er bei all den Gräueltaten, die das Personal an den Kindern und Jugendlichen verübt, nicht wegschauen und beginnt, sie festzuhalten. Es entsteht ein Dokument mit minutiöser Darstellung all der Verbrechen, von Erniedrigungen über Tätlichkeiten bis hin zu Mord, mit denen erwachsene Männer ihre kranken Machtspiele mit Heranwachsenden treiben. Unnötig zu sagen, dass ein solches Dokument der Anstaltsleitung gar nicht gefällt …

Wie schon gesagt, mit Die Nickel Boys, das auf wahren Begebenheiten beruht,  greift Whitehead ein weiteres düsteres Kapitel auf, wieder geht es um Rassentrennung in den USA, um Ungerechtigkeit, Rassismen, zusätzlich um Kindes- und Machtmissbrauch. Und leider muss ich wieder sagen – wie schon bei Underground Railroad: Ich bin enttäuscht und ratlos, warum dieser Autor schon zum zweiten Mal mit dem Pulitzer Prize for Fiction ausgezeichnet wurde. Das Gespür für wichtige Themen allein kann es doch nicht sein. Denn ansonsten bleibt auch dieser Roman dermaßen blass, dass ich die Behauptung wage, mit einem anderen Autorennamen auf dem Cover würde kein Hahn danach schreien. Die sprachlichen Bilder sind verwackelt, um nicht zu sagen, sinnlos. Dazu wird in endlosen Bögen um den heißen Brei herum geschrieben. Keinerlei Vergleich zu anderen Preisträgern und Sprachvirtuosen wie Paul Harding, Donna Tartt oder Viet Thanh Nguyen. Das war also mein zweiter und definitiv letzter Versuch mit Colson Whiteheads Romanen.

Über den Autor: Colson Whitehead (* 1969 in New York City) studierte in Harvard und unterrichtete an zahlreichen renommierten Universitäten, u. a. Princeton und Columbia. Er veröffentlicht Romane und Essays und spaltet regelmäßig die Gemüter der Rezensenten.

Über den Übersetzer: Henning Ahrens (*1964 in Peine) studierte Anglistik, Geschichte und Kunstgeschichte in Göttingen, London und Kiel, wo er auch promovierte. Neben dem Verfassen von Gedichten und Romanen übersetzt er aus dem Englischen, u. a. Meg Wolitzer und Jonathan Safran Foer.

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