Etgar Keret: Tu’s nicht

Keret legt den Finger in die Wunde – gerade dann, wenn man laut loslachen will.

Mit seinen Storys wird Kerets Name oft im gleichen Atemzug genannt wie Kafka und Hemingway, er schreibt völlig frei von Konventionen und Erwartungshaltungen. Was alle Erzählungen im jüngst erschienenen Sammelband Tu’s nicht gemeinsam haben, ist vor allem, dass sich hinter jedem Umblättern ein plot twist verstecken kann, der es in sich hat, der die ganze Geschichte auf den Kopf stellt und mich mal sprachlos vor Begeisterung, mal vor Erstaunen, mal auch vor Unentschlossenheit zurückließ.

Kerets Ideenreichtum, seine Fantasie sind beeindruckend, und selbst wenn man schon mit allem rechnet, überrascht er einen dennoch, gern auch mal mit Einfällen, die den Bereich des Realistischen verlassen. Genial finde ich die zwischen den einzelnen Erzählungen eingestreute Mail-Konversation zwischen dem Betreiber eines Escape Room und eines Mannes, der diesen mit seiner Mutter besuchen möchte, was leider am nationalen Holocaust-Gedenktag scheitert, an dem der Escape Room geschlossen sein wird. Es entspinnt sich eine haarsträubende und gleichermaßen faszinierende Diskussion darüber, deren Sinn man nicht gleich erkennt – aber das Ende dann … Ihr ahnt es: Das hat es in sich!

Da die Storys meist sehr kurz sind, möchte ich gar nicht zu sehr auf den Inhalt eingehen, um für zukünftige Leserinnen nichts vorwegzunehmen. Aber es zieht sich ein roter Faden durch die Erzählungen. Es geht um Einsamkeit und auch um Träume, um Enttäuschungen und das Weitermachen. Keret lässt seine Figuren durchaus leiden, aber deren Schmerz versteckt er hinter einer leichten, witzigen Sprache und den erwähnten Wendungen in der Handlung, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Man legt das Buch weg und hat das Gefühl, etwas Heiteres gelesen zu haben, doch sie wirken nach, diese Geschichten, diese Figuren – und deren Melancholie.

Über den Autor: Etgar Keret (* 20.08.1967 in Ramat Gan, Israel) ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller Israels. Er schreibt Kurzgeschichten, Graphic Novels und Drehbücher. Sein Film Jellyfish, bei dem er zusammen mit seiner Ehefrau Shira Geffen Regie führte,  wurde 2007 bei den Filmfestspielen in Cannes uraufgeführt und in zwei Kategorien ausgezeichnet, u. a. mit der Goldenen Kamera. Keret lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Tel Aviv.

Über die Übersetzerin: Barbara Linner (* 1955 in München) studierte Judaistik, Orientalistik und südosteuropäische Geschichte. Sie überträgt u. a. David Grossman und Assaf Gavron ins Deutsche.

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