Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982

Ein kleines Buch mit nur gut 200 Seiten sorgt weltweit für Furore. Doch warum? Schauen wir mal.

Die Autorin Cho Nam-Joo hat das Porträt einer fiktiven koreanischen Frau verfasst: von Jiyoung, geboren im Jahr 1982. Im Herbst 2015, als die Handlung einsetzt, ist Jiyoung gerade 33 Jahre alt, verheiratet, Mutter einer einjährigen Tochter und dermaßen durchschnittlich – im besten Sinne gemeint –, dass ihr Leben als Durchschlag für unzählige Frauen weltweit herangezogen werden kann. Dabei hat Jiyoung noch Glück, denn sie hat eine fortschrittliche Mutter, doch aller Fortschritt hilft gegen gesellschaftliche Konventionen nichts. So ist es keineswegs ungewöhnlich, dass Jiyoungs jüngerer Bruder am Tisch bevorzugt wird, sodass er nach dem Vater immer zuerst Essen bekommt, wohingegen die Mutter und die älteren Schwestern oft genug das Nachsehen haben. Dass überhaupt zuerst zwei Mädchen zur Welt kamen, war für Jiyoungs Mutter – die eigentlich Fortschrittliche – Grund genug, sich tränenreich bei ihrem Mann zu entschuldigen und um Nachsicht bei dessen Mutter zu bitten.

Die Bevorzugung des männlichen Geschlechts setzt sich fort, Jiyoungs ganzes Leben lang. Unser aller Leben lang. In der Schule sind die Kleidervorschriften für Mädchen so streng, dass sie nicht am Sportunterricht teilnehmen können. Werden die Mädchen sexuell belästigt, sind sie selbst schuld, weil sie gelächelt oder nicht gelächelt haben, weil sie die falsche Kleidung tragen – dies dürfte auch hier zu Lande vielen bekannt vorkommen –, weil sie falsche Signale sendeten, weil sie U-Bahn statt Taxi fuhren, weil sie Taxi statt U-Bahn fuhren. Der Grund ist eigentlich egal, selbst schuld sind Mädchen und Frauen in jedem Fall. Selbst wenn auf der Frauentoilette eine versteckte Kamera angebracht wird – ein weit verbreitetes Problem in Korea –, ist das ein Ärgernis, das lediglich gegen Frauen spricht.

Nach der Schule geht Jiyoung auf die Universität und wird mit der misogynen Doppelmoral in sexuellen Belangen konfrontiert. Männer dürfen mehrere Beziehungen haben, Frauen gelten direkt als Flittchen. Auch in Karrierefragen kommen Männer – Überraschung! – besser weg. Sie werden von Professoren bei der Suche nach Praktika und Jobs unterstützt, selbst wenn sie schlechtere Leistungen erbringen. Das hört natürlich nach der Uni nicht auf, sondern setzt sich auch in den Unternehmen fort. Jiyoung braucht viele Monate, bis sie einen Job findet, der ihren Qualifikationen entspricht, wird hier aber glücklicherweise von einer weiblichen Vorgesetzten gesehen und gefördert, stößt aber schnell an die gläserne Decke, als zwei Kollegen, die zeitgleich mit ihr in der Firma begannen, für ein spezielles Projekt eingesetzt werden, sie hingegen nicht. Auf Nachfrage heißt es: Männer sind langfristige Investitionen, Frauen verlassen die Firma ohnehin, sobald sie schwanger werden.

Als Jiyoung vor dieser Entscheidung steht, muss sie einsehen, dass dies tatsächlich die einzige Möglichkeit ist. Sie würde lieber weiterarbeiten, denn sie mag ihren Job. Nur nimmt Südkorea die 40-Stunden-Woche nicht sehr ernst, gesetzlicher Anspruch auf Mutterschutz und Elternzeit besteht sogar, wird aber nur selten umgesetzt. Und so wird schnell klar: Das Jammern der Firmenchefs, dass Frauen das Unternehmen ja ohnehin bald wieder verlassen und deswegen nicht gefördert werden können, ist nichts als Augenwischerei, solange die Chefs selbst nicht für eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie sorgen, solange ein ganzes Land es hinnimmt, dass Gesetze nicht umgesetzt werden, um eine Hälfte der Bevölkerung gezielt auszugrenzen. (Vom Lohngefälle will ich hier gar nicht erst anfangen, aber das kommt natürlich dazu.)

Und nun, 32 Jahre nach ihrer eigenen Geburt, ist Jiyoung in der gleichen Situation wie ihre Mutter: Ein Sohn wäre schon toll, da könnte sie stolz auf sich ein. Nun wird es „nur“ ein Mädchen, aber das ist immerhin besser als gar kein Kind, wie ihr die Familie in der Zeit zwischen Hochzeit und Schwangerschaft eintrichtert. Das Recht auf den eigenen Körper – wo ist es hin? Für Frauen im gebärfähigen Altern gilt es anscheinend nicht. Jede*r darf mitreden.

Zum Wohle ihres Kindes und ihrer Familie verzichtet Jiyoung auf ihren geliebten Job – aber auch das ist natürlich nicht richtig. Nun gilt sie als Schmarotzerin, die das Geld ihres Mannes ausgibt. Ein Aushilfsjob, nur ein paar Stunden am Tag, wäre also schön, aber sicher nicht auf dem finanziellen oder qualitativen Niveau ihres früheren Berufs.

Kein Wunder, dass Jiyoung eines Tages den Verstand verliert.

Ein Wunder, dass wir alle nicht irgendwann den Verstanden verlieren.

Unterlegt mit Quellenhinweisen, erzählt Autorin Cho Nam-Joo in knappem, sachlichem, schnörkellosem Ton den Lebenslauf einer ganz normalen koreanischen Frau mit ihren Hoffnungen, Ängsten und Sorgen, die nicht so weit entfernt sind von den Hoffnungen, Ängsten und Sorgen der allermeisten Frauen in anderen Teilen der Welt. Gerade diese sachbuchartigen Schilderungen tragen dazu bei, die misogyne Scheinheiligkeit von Gesellschaft, Wirtschaft und Staat deutlich zu machen. Und bevor es heißt: Die Männer sind wieder die Bösen – nein, auch die Männer werden hier als ohnmächtig angesichts des Systems gezeigt, denn sie alle sind Söhne, Ehemänner und Väter von Frauen. Sie schlagen teilweise widerwillig und peinlich berührt Profit aus dem System, um wiederum ihre Familien zu ernähren, denn ihre Ehefrauen sind ebenso gezwungen, zu Hause zu bleiben, wie die Kollegin, deren Posten sie nach deren Schwangerschaft einnehmen. Deutlich wird: Die Einstellung des Einzelnen muss Hand in Hand gehen mit einem System, das die Bedingungen für beide Geschlechter gleich gestaltet.

Hat ein Gesetz oder ein System Einfluss auf die Wertvorstellungen eines Menschen? Oder richten sich die Gesetze und Institutionen nach den Werten der Menschen?

Über die Autorin: Cho Nam-Joo (* 1978 in Seoul, Südkorea) war neun Jahre lang als Drehbuchautorin fürs Fernsehen tätig. Ihr Roman Kim Jiyoung, geboren 1982 war vor allem in Korea und Nachbarstaaten ein Riesenerfolg, hat sich aber auch weltweit über zwei Millionen Mal verkauft und wurde in 18 Sprachen übersetzt. Sie lebt in Korea, wo ihr Buch zu weitreichenden Debatten über Gleichstellung führte. Zum Teil wurden die Autorin und prominente Leser*innen sogar angefeindet.

Über die Übersetzerin: Ki-Hyang Lee (* 1967 in Seoul, Südkorea), studierte Germanistik in Seoul, Würzburg und München. Sie lebt in München und arbeitet als Lektorin, Übersetzerin und Verlegerin.

 

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