Hans Rath: Im nächsten Leben wird alles besser

Etwas Leichtes für zwischendurch ist dieser Roman von Hans Rath, leider auch etwas vorhersehbar, aber er hat durchaus seinen Reiz.

Erst mal: Worum geht’s? – Um Arnold, einen etwas miesepetrigen, mittelalten Schwarzseher, der seine Freunde beim wöchentlichen Bowlingabend und seine Familie sowieso immer mit seiner permanenten Nörgelei zur Weißglut treibt. Nette Worte hat er für so gut wie niemanden übrig, höchstens für Enkelin Hermine mit ihren vier Jahren. Er würde ihr gern eine bessere Welt hinterlassen, daher sind Flugreisen tabu, generell fast alle Urlaubsreisen – aber nicht nur aus hehren ökologischen Gründen, mal ist es zu teuer, mal gibt es zu viele Taschendiebe, dann wieder zu viele Touristen –, sehr zum Leidwesen von Ehefrau Kathrin, die sich allmählich fragt, wozu diese Ehe noch gut sein soll, wenn sie sowieso immer nur streiten. Es ist nicht so, dass Arnold seine Familie nicht liebt, nur treibt ihn seine Zukunftsangst in die Enge.

Doch dann wacht Arnold eines Tages nach einem weiteren Streit mit Kathrin in einem ihm fremden Bett auf. Das kann aber eigentlich gar nicht sein, er weiß genau, er ist am Abend in sein eigenes gegangen. Als dann auch noch ein fremder Mann ins Zimmer platzt, versteht Arnold gar nichts mehr. Plötzlich ist die Rede von Funktionsfrüchten, Nanobots und intelligenter Unterwäsche. Was zur Hölle ist passiert? Gustav, der fremde junge Mann, der sich als Arnolds persönlicher Assistent vorstellt – und nein, er ist nicht aus Fleisch und Blut –, überbringt ihm die Hiobsbotschaft: Sie befinden sich im Jahr 2045 statt 2020. Arnold versteht die Welt nicht mehr, doch ein Blick in den Spiegel bestätigt es: Er ist ein Greis, ein alter Mann. Weil er seine Funktionsfrüchte nicht trinkt, wie Gustav sofort hilfsbereit feststellt. Anscheinend fehlen ihm die letzten 25 Jahre – und in denen hat sich die Welt radikal verändert. Arnold lebt nun in einer Seniorenresidenz, von vorn bis hinten bedient und verwöhnt von KI in Menschengestalt, es gibt künstliche Ärzte, künstliche Sexarbeiterinnen, künstliches Personal in allen Formen und Farben. Und Arnold ist komplett allein, keine Kathrin an seiner Seite, keine Kinder, keine Enkelkinder. Da ist auch Gustav keine Hilfe, denn er weiß so gut wie nichts über Arnolds Vergangenheit. Also begibt dieser sich auf die Suche, doch die Zeit drängt, denn angesichts des Gedächtnisverlustes und der horrenden Kosten einer Behandlung soll Arnold nach Times Beach abgeschoben werden – einer Art digitales Paradies. Wortwörtlich.

In Times Beach können sich alle vergnügen, die ihren alternden oder aus sonstigen Gründen unbewohnbaren Körper aufgegeben haben und deren Geist in eine digitale Welt übertragen wurde. Hier werden alle Wünsche mit einem Fingerschnippen erfüllt, und nichts hat Konsequenzen, man kann den ganzen Tag saufen, kiffen, feiern. Auch Sex am Strand ist kein Problem, das künstliche Paradies ist Ü18. Und wenn man der endlosen Party überdrüssig ist, kann man sich einfach abschalten lassen, fertig. Keine Option für Arnold, schließlich sucht er Antworten – und seine Familie! Nur was ist die Alternative?

Was ich an Im nächsten Leben wird alles besser besonders spannend fand, ist die entworfene Zukunftsvision, die auf den ersten Blick gar nicht mal schlecht klingt – und vermutlich auch nicht ist. Funktionsunterwäsche überwacht Vitalfunktionen, Ernährung wird haargenau auf die Bedürfnisse des jeweiligen Körpers abgestimmt, selbst fahrende Autos, die keine Unfälle mehr bauen, persönliche und gesellschaftliche Optimierung, wohin man auch schaut. Humanoide Roboter aka „persönliche Assistenten“ managen alles, Wissen wird innerhalb von Sekunden erworben, keinerlei Zeitverzug mehr. Doch natürlich hat das alles Schattenseiten: Überwachung, wo man geht und steht, immer noch regiert Geld die Welt, weswegen die Korruption ganz neue Züge angenommen hat, und von Times Beach wollen wir gar nicht erst anfangen.

Dabei geht Hans Rath durchaus ins Detail und zeigt, dass diese Vision nicht so absurd ist, wie man meinen – oder hoffen – könnte. Das Problem, dass die weiblichen Stimmen der Sprachassistenten, die wir heute benutzen, zu Geschlechtervorurteilen führen, wird gerade erst von Psychologen untersucht. Dessen hat sich Hans Rath schon angenommen: Die „Charaktere“ der selbst fahrenden Wagen werden zum Beispiel durch einen Zufallsgenerator ausgesucht, um Diversität zu zeigen und Toleranz zu schulen. Da wird Arnold mal von einem männlichen Südamerikaner chauffiert, mal von einer alleinerziehenden Mutter aus Berlin. Auch wie man KI dazu bringt, keine eigenständigen Gefühle zu entwickeln, bedenkt Rath. Die häufigste Antwort von Gustav ist: Das (zum Beispiel Freundschaft, Freude, Angst) ist programmseitig nicht vorgesehen. Bis es dann eben doch passiert.

Nun will ich das Buch nicht intellektuell oder philosophisch überhöhen, in erster Linie ist es eine Komödie, denn die Kabbeleien von Arnold und Gustav sind wirklich witzig, aber mit ein paar Aspekten, die zum Nachdenken anregen und mir sicher noch eine Weile nachhängen. Die perfekte kurzweilige Unterhaltung für zwischendurch.

Über den Autor: Hans Rath (* 1965 in Straelen) studierte Germanistik, Philosophie und Psychologie in Bonn und arbeitet als Autor und Drehbuchautor. Zwei seiner Romane wurden fürs Kino verfilmt.

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