Colson Whitehead: Underground Railroad

Pulitzer-Preisträger 2017 – ich wünschte, diese Auszeichnung reichte schon aus, um die Qualität dieses Buches zu belegen, doch dem ist leider nicht so …

Cora ist Sklavin in dritter Generation. Ihre Großmutter wurde aus einem Dorf in Afrika entführt und in die Südstaaten der USA verschleppt, verkauft und verkauft und verkauft … Ihre Mutter hingegen lebte auf derselben Farm, auf der auch Cora lebt, floh jedoch eines Tages ohne ihre Tochter und wurde nie gefunden. Was für Cora ein Leben lang eine offene Wunde bleibt, ist für andere ein Ärgernis einerseits (ihre Besitzer) und ein Wunder andererseits (andere fluchtbereite Sklaven). Und so wird Cora ausersehen, den Sklaven Caesar auf der Flucht zu begleiten. Der Plan ist gut, die Voraussetzungen günstig und die Zukunftsaussichten auf der Farm düster – also zögert Cora nur einmal, dann geht sie mit ihm …

Sie gelangen zur Underground Railroad, und es beginnt eine wahre Odyssee aus Angst und Mut, Schmerz und Tapferkeit, Kameradschaft und Feindschaft. Cora muss zusehen, wie Freunde getötet werden, wird aber auch Zeugin seltener Momente von Gerechtigkeit. Und sie muss nach dem abgeschotteten Leben auf der Farm mit seiner simplen Moral (Verstoß gegen meine Regeln, und du stirbst, folge ihnen, und du lebst … vielleicht) lernen, dass auch ihr wohlgesinnte Menschen lügen und dass ihre Feinde aufrichtig zur ihr sind – das führt aber nicht dazu, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen, sondern nur dazu, dass das Böse sich unverhältnismäßig vermehrt. Wem kann sie trauen? Wo ist sie sicher? Wenn Schuldige wie Unschuldige gleichermaßen ermordet werden, wenn selbst Gesetze zum Schutz ehemaliger Sklaven nicht eingehalten werden – wozu dann fliehen? Und vor allem, wohin?

Fangen wir mal mit dem positiven Feedback an: Inhaltlich habe ich viel gelernt. Ich gebe (peinlich berührt) zu, die Underground Railroad war mir kein Begriff, nun bin ich besser informiert. Autor Colson Whitehead verbindet wohl recherchierte historische Fakten mit der packenden fiktiven Geschichte um seine Protagonistin Cora und schafft es dabei besser als jedes Sachbuch, das schier unfassbare Grauen jener Zeit authentisch rüberzubringen. Es erschüttert mich, mit welcher kaltschnäuzigen, selbstherrlichen Selbstverständlichkeit Weiße Afrikaner entführt und verschleppt haben. Mehrere Millionen freie Männer und Frauen wurden aus heiterem Himmel heraus einfach aus ihren Leben gerissen und in ein abgrundtief böses System geschubst, das wirtschaftlich-historisch (und wertfrei) bestens als Kapitalismus bekannt ist, das aber von Menschen täglich gestaltet wird (hier endet dann die moralische Wertfreiheit auch schon). Fast beiläufig schildert Whitehead die Abgründe menschlicher Verhaltensweisen und moralischer Verirrungen. In dem Sinne bereue ich die Lektüre auf keinen Fall. Mein Horizont ist durch ein gutes Buch erweitert worden.

Nur sprachlich hat mich „Underground Railroad“ leider nicht abgeholt. Vielleicht waren meine Erwartungen nach den Auszeichnungen Pulitzerpreis und National Book Award zu hoch – gerade gemessen am Vorjahres-Pulitzerpreisträger „Der Sympathisant“. Geradezu störend fand ich die pseudo-philosophischen und -psychologischen Betrachtungen nach der Methode Holzhammer. Ich kam einfach nicht hinter die Fassade der Story, egal, wie sehr ich es versuchte. Die Süddeutsche Zeitung findet, dass die Schwächen des Romans seine Wucht noch steigern. Das ging mir nicht so: Die Schwächen sind einfach nur Schwächen, Punkt. Ich weiß nicht, ob das an der Übersetzung liegt oder am Original. Denn Fakt ist auch: Colson Whitehead ist ein gefeierter, geschätzter Autor, die amerikanische Presse liebt „Underground Railroad“ ebenso wie seine Vorgängerromane, denen ich auch eine Chance geben werde, um dem – in meinen Augen – Mysterium Colson Whitehead auf den Grund zu gehen. Und ich freue mich darauf, den Autor demnächst auf einer Lesung zu erleben, vielleicht schließt das schon meine Verständnislücken.

Fazit: „Underground Railroad“ ist ein guter Roman, der eine wichtige Geschichte erzählt. Ich würde mich nur leichter mit den Schwächen des Buches tun, wenn es nicht das Prädikat „Pulitzer-Preis“ tragen würde.

Über den Autor: Colson Whitehead (* 1969 in New York City) studierte in Harvard und unterrichtete an zahlreichen renommierten Universitäten, u. a. Princeton und Columbia. Er veröffentlichte sechs viel beachtete Romane und zahlreiche Essays und spaltet die Gemüter der Rezensenten.

Über den Übersetzer: Nikolaus Stingl (* 1952 in Baden-Baden) studierte Anglistik und Germanistik und lebt als freier literarischer Übersetzer in Flensburg. Er erhielt zahlreiche Übersetzerpreise und überträgt auch Thomas Pynchon ins Deutsche.

 

 

 

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