Amanda Svensson: Ich habe dir immer über alles die Wahrheit gesagt

Dass der Titel nicht unbedingt stimmt, kann sich der Leser sicher bereits denken. Denn was hier wahr und was falsch ist, ist so leicht nicht zu erkennen, am allerwenigsten für die junge Protagonistin, die nach einem Leben als Außenseiterin versucht, an der Medienakademie endlich dem Leben in sozialer Isolation zu entkommen. Wie erstaunlich ist es da, fast schon ein Wunder, dass sich ein Mitstudent für sie interessiert – für sie! Geradezu hungrig nach Liebe und von dem Wunsch zu gefallen getrieben, lässt sie sich auf eine Beziehung ein, die harmlos beginnt, aber nach und nach einen zerstörerischen Sog entfaltet.

Er nennt sie Lilja – natürlich nicht ihr richtiger Name – und spielt mit ihr ein imaginäres Leben als russischer Dichter Wladimir Majakowski nach. Sie ist seine Muse und zusammen reisen sie im Zug durch Russland. Später dann ist sie Sylvia Plath oder Vivienne Haigh-Wood Eliot. In jedem Szenario aber ist er derjenige, der den Ton angibt, der die Oberhand behält. Sie muss sich fügen. Sagt sie etwas, was nicht in sein Spiel passt, ist sie dumm und einfältig, banal und anmaßend. Zur Strafe schneidet er sie, dünne Linien mit der Schere in den Bauch, oder drückt eine glühende Zigarette in ihre Haut. Auch Sex gehört zu diesem Spiel dazu, Sex, den sie nicht möchte, den er erzwingt – sanft zwar, aber doch unnachgiebig. Die Protagonistin weiß nicht, wie ihr geschieht, sieht es als Teil des Spiels an, wagt nicht, leise Gedanken der Rebellion zu Ende zu denken, geschweige denn, sie in die Tat umzusetzen. Sie hat Angst vor ihm, fühlt sich aber doch angezogen. Bis sie Anne begegnet – oder auch Ilse im wahren Leben. Doch Anne passt so viel besser zu ihr: Anne Bonny, Schrecken der Meere, legendäre Piratin, beste Freundin von Mary Read. Gemeinsam fliehen sie in eine Fantasiewelt voller Mut und Widerstand. Und erst diese Fantasie gibt Lilja die Kraft, auch im wahren Leben mutig zu sein …

Sowohl die Covergestaltung auch der Inhalt muten wie ein Jugendbuch an: die junge Protagonistin, die Fantasiewelt voller Piraten, das abgeschlossene Setting eines Studenten-Wohnheims mitten im schwedischen Nirgendwo, das Positionieren zwischen eigenen Bedürfnissen und Erwartungen anderer, die erste Begegnung mit den Schattenseiten der Liebe. Auch das Spiel mit dem Titel – was ist hier wahr, was nicht – und andere sprachliche Spielereien zeigen meiner Meinung nach in Richtung Jugendbuch. Das heißt aber nicht, dass das Buch nicht auch für erwachsene Leser wertvoll ist. Mich hat das Zarte an diesem Buch sehr gerührt, die Anspielungen, die Ängste und Hoffnungen, alle nur angedeutet, aber doch so deutlich spürbar. Es liegt eine gewisse Tragik darin, dass man dieses Buch übersehen kann – sogar beim Lesen, wenn man nicht aufpasst –, ebenso wie die Protagonistin fast ihren eigenen Schmerz übersieht.

Über die Autorin: Amanda Svensson (* 1987 in Arlöv, Schweden) ist eine schwedische Autorin. Sie studierte Literaturwissenschaft und Französisch in Lund und schreibt seit frühester Jugend Belletristik. Mit ihrem zweiten Roman Ich habe dir immer über alles die Wahrheit gesagt (2011) war sie für den renommiertesten schwedischen Literaturpreis, den August-Preis, nominiert.

 

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