Eve Harris: Die Hochzeit der Chani Kaufman

Eine Leseempfehlung: Ja! Unumstritten großartig: Nein.

Der Titel verrät es schon in aller Deutlichkeit: In diesem Buch geht es um die Hochzeit eines jungen Mädchens namens Chani – sie stammt aus einer nicht sehr vermögenden Familie, ist eine Tochter von vielen. Die Mutter ist chronisch überlastet mit den vielen Mädchen, für die gute Ehemänner gefunden werden müssen, ständig traurig und hungrig. Der Vater versinkt in seinen jüdischen Studien, Hauptsache, er bekommt von seiner Frau und den Töchter so wenig wie möglich mit. Doch dann hat Chani Glück: Ein Mann entdeckt sie auf einer Hochzeit zufällig (und verbotenerweise) und setzt alles daran, sie kennenlernen zu dürfen.

 

Chani und Baruch leben in der jüdisch-orthodoxen Gemeinde im Londoner Stadtteil Golders Green: Hier tragen verheiratete Frauen Perücken, damit ihr Haar keine Begierde bei fremden Männern erregt, Männer und Frauen dürfen sich nicht berühren, feiern und beten in getrennten Räumen, am Schabbes wird keine Arbeit verrichtet, wozu auch gehört, keinen Lichtschalter zu bedienen. Die Mütter sorgen noch dafür, geeignete Ehepartner zu finden, über eine sogenannte Jente, eine Ehevermittlerin. Nach einem ersten Treffen und Kennenlernen können bei beiderseitigem Interesse weitere folgen, aber niemals Berührungen, bis zur Eheschließung … Die Regeln dieser Welt sind streng und wie aus einer anderen Zeit.

Parallel zu dem Kennenlernen von Chani und Baruch wird das Leben der Rebbetzin Zilberman erzählt. Im Gegensatz zu Chani stammt sie nicht aus einer orthodoxen Familie, sondern aus einer nicht-gläubigen. Beim Studium in Jerusalem lernt sie Chaim kennen, ebenfalls liberal wie sie, doch er entdeckt gerade den orthodoxen Glauben und zeigt ihr eine Welt, in der sie beide zunehmend Sicherheit und Gott finden. Über 20 Jahre sind sie bereits verheiratet – und die Rebbetzin betreut ständig junge, unwissende Bräute wie Chani, die in eine Ehe geschubst werden, von der sie keine Ahnung haben, und in der wissbegierige Mädchen bestraft werden für ihre Intelligenz. Das und vieles andere führt bei Rivka zu dem ausweglosen Wunsch, aus diesem Leben auszubrechen, wieder weltlich zu sein, ohne strenge religiöse Regeln, in der ständig mit Gottes Strafe gedroht wird.

Ohne Zweifel sind die Einblicke in diese streng religiöse Welt faszinierend. Ansonsten überzeugt mich der Roman leider nicht. Die Erzählstrategie stellt mich vor einige Rätsel. Der Roman beginnt mit Chanis und Baruchs Hochzeit, womit alle Steine, die ihnen auf dem Weg dorthin in den Weg gelegt werden, belanglos sind, denn wir wissen ja schon, wie es endet. Was nicht bedeuten soll, dass diese Steine nicht interessant wären, aber ein Spannungsbogen kommt so nicht zustande. Auch der Faden zwischen Chani und Rivka ist mehr als lose. Ich kann ihn mir nur so erklären, dass hier zwei Frauenschicksale erzählt werden sollen, zwei Frauen in einem Geflecht  aus Traditionen und Regeln, der Liebe und dem Glauben. Man kann aber nicht mal so weit gehen zu sagen, dass sie einen unterschiedlichen Weg gehen, denn Chanis Weg begleiten wir ja nur über ein paar Monate.

Ebenfalls fragwürdig finde ich den Erzählton, der mal erhaben und ansprechend ist, mal ironisch und von oben herab. Das kann an der Übersetzung liegen, aber die Perspektive des Erzählers macht deutlich, dass hier von einer Welt berichtet wird, die ihm nicht zusagt. Dieses Spannungsfeld fiel mir beim Lesen mehr als einmal unangenehm auf.

Fazit: Aus inhaltlichen Gründen sei das Buch allen Interessierten empfohlen. Aber ein narratives und sprachliches Lehrstück ist es definitiv nicht.

Über die Autorin: Eve Harris (* 1973 in London, UK) ist die Tochter polnisch-israelischer Eltern und arbeitete lange als Lehrerin an katholischen und jüdisch-orthodoxen Mädchenschulen. „Die Hochzeit der Chani Kaufman“ ist ihr Debüt und stand direkt auf der Longlist für den National Man Booker Prize 2013 und war Finalist für den National Jewish Book Award 2014.

Über die Übersetzerin: Kathrin Bielfeldt ist Texterin und Übersetzerin und spricht fünf Sprachen. Sie hat unter anderem Romane von Elisabeth Elo, Pete Dexter und James Sallis ins Deutsche übertragen.

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