Hisham Matar: Die Rückkehr

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Dieses Buch trägt den Untertitel: „Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater“, weil es kein Roman, sondern eine wahre Geschichte ist. Das vergisst man beim Lesen manchmal, so flüssig erzählt Hisham Matar von seinem Schicksal, doch immer wieder kommen der Schmerz und die Verzweiflung des Autors an die Oberfläche und rufen uns Lesern in Erinnerung, dass das hier keine tragische fiktive Geschichte ist, sondern tragische Realität.

27 Jahre ist es her, dass Jaballah Matar, der Vater von Hisham verschwand. Die Familie lebte in Ägypten im Exil, nachdem Jaballah sich der libyschen Oppositionsbewegung „National Front for the Salvation of Libya“ angeschlossen hatte, womit er nicht nur sich selbst, sondern auch seine Familie in höchste Gefahr brachte. Die Flucht nach Ägypten ermöglichte es der wohlhabenden Familie, in (relativer) Sicherheit zu leben und trotzdem die politischen Geschicke im Heimatland zu beeinflussen. Bis zu dem schicksalhaften Tag, an dem Ägypten Jaballah nach Libyen auslieferte – und er verschwand.

„Die Rückkehr“ ist die Spurensuche seines Sohnes Matar, der 33 Jahre, nachdem er zum letzten Mal libyschen Boden berührt hat, zurückkehrt, zusammen mit seiner amerikanischen Frau Diana und seiner Mutter. In all den Jahren, auf seiner ruhelosen Suche nach sich selbst und nach seinem Vater, hat er Kontakt zu Amnesty International, Human Rights Watch, NGO Trial und zahlreichen anderen Organisationen aufgenommen, hat Gefangene ausfindig gemacht, die sich an seinen Vater erinnern können, und ein paar Anhaltspunkte zusammengetragen: Von 1990 bis 1996 saß Jaballah in Abu Salim ein, einem berüchtigten Gefängnis in Tripolis mit dem unheilverkündenden Namen „Endstation“, in dem alle Regimekritiker inhaftiert wurden, derer sich Gaddafi entledigen wollte. Nach 1996 verlieren sich die Spuren von Jaballah. Vermutlich fiel er der blutigen Reinigungsaktion im Gefängnis zum Opfer, in dem zahllose Insassen in einen Innenhof gebracht wurden, wonach blindwütig in die Menge geschossen wurde, bis niemand mehr am Leben war. Im gleichen Zuge wurden andere Insassen in eine Lagerhalle geführt, die anschließend in die Luft gesprengt wurde. Solche und andere Gräueltaten des libyschen Regimes lassen den Lesern den Atem stocken – denn wieder und wieder werden wir erinnert: Das ist wirklich passiert! Das ist das Schicksal zahlloser Männer und deren Familien, die bis heute nicht wissen, wo ihre Angehörigen sind, wie sie starben, wo sie starben, wo ihre sterblichen Überreste sind. So wie die Familie Matar.

„Die Rückkehr“ führt uns das ganze Ausmaß der Brutalität und menschenverachtenden Gleichgültigkeit von Diktatoren und ihrer Unterstützter vor Augen. Gleichzeitig ist es ein Sittenbild der libyschen Gesellschaft unter Gaddafi, in der Misstrauen und Angst herrschte. Und es ist das Psychogramm einer Familie, die mit dem schlimmsten Schicksal leben muss – dem Verlust eines geliebten Menschen und der verzweifelten, hoffnungsvollen Suche nach Antworten, die niemand mehr geben kann. Die Frage, was der Vater alles ertragen muss, die Hoffnung, er möge das durchstehen und zurückkehren, so wie einige andere Angehörige, quälen die Familienmitglieder tagtäglich. Jede Meldung eines Mithäftling ein Strohhalm, neues Bangen um Antworten, bis jede Nachricht über Abu Salim zu einer Besessenheit wird. Bald schon kennt Hisham den Grundriss des Gefängnisses auswendig, kann jedes Detail benennen, von Schlaflosigkeit und Angstattacken heimgesucht …

Bedrückend, berührend, beängstigend ist dieses Buch und erfüllte mich gleichzeitig mit Ehrfurcht und Bewunderung für all die Menschen, die bis heute mit dieser Gefahr leben, mit diesem Schicksal – so viele Menschen, die nicht aufgeben, für ein besseres Leben zu kämpfen, im Angesicht der unaussprechlichen Gefahren. Und wer sich noch wundert, warum so viele Flüchtlinge den Weg daraus suchen, der möge doch bitte mal über seinen komfortablen Tellerrand hinausschauen und dieses Buch lesen. Ich verspreche: Hier gibt es viele Antworten. Und ich warne: Sie werden euch nicht gefallen, AfDler und NPDler und leider auch CSUler dieser Welt.

Über den Autor: Hisham Matar (* 1970 in NYC) wuchs in Tripolis und Kairo auf. Seit 1986 lebt Matar in London, wo er Architektur studierte. Er schreibt für verschiedene Zeitschriften, ist Dozent für Literatur und Autor. 2006 erschien sein Debüt „Im Land der Männer“, 2011 „Geschichte eines Verschwindens“, für die er mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Das Verschwinden seines Vaters und die Auswirkungen auf die Familie haben großen Einfluss auf sein politisches und literarisches Schaffen.

Über den Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence (* 1956) arbeitet heute, nach längerer Tätigkeit als Verlagslektor bei Bertelsmann, HoCa und der DVA, als Übersetzer und Literaturagent. Er überträgt u. a. Hilary Mantel, Hisham Matar und Ann Patchett ins Deutsche.

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