Sara Sligar: Alles, was zu ihr gehört

Ein psychologsch ausgefeilter Roman, der in keine Genre-Schublade passt!

Als Kate das Grundstück der großen Fotografin Miranda Brand betritt, um deren Nachlass zu ordnen, spürt sie es sofort – eine düstere Atmosphäre, ein Sog, ein gefährliches Prickeln im Nacken. Kurz darauf wird sie von Theo, Mirandas Sohn, begrüßt, der ihr den neuen Arbeitsplatz zeigt: ein bis oben hin mit Papieren vollgestopftes Esszimmer, alles Erinnerungsstücke und Korrespondenzen der vor 20 Jahren verstorbenen Künstlerin. Auch hier drin lässt das unheilvolle Prickeln nicht nach …

Nun heißt es, Tag für Tag Unterlagen zu sichten und zu ordnen und dabei immer tiefer in Miranda Brands Leben einzutauchen, in ein tragisches Leben, das so vielversprechend begann und so rätselhaft endete. Offiziell war es Selbstmord, doch was, wenn das gar nicht stimmt? Um dem Geheimnis, das um Mirandas Tod gemacht wird, auf den Grund zu gehen, bricht Kate alle Tabus und stöbert im Haus herum, bis sie Mirandas Tagebuch findet. Deren Einträge treiben Kate immer tiefer in die Vergangenheit – und weit über ihre eigenen Grenzen hinaus.

Denn die Archivierung ist nicht irgendein Job für Kate. Nach einem Zusammenbruch samt bipolarer Störung muss sie erst lernen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Doch die Andeutungen, die Details aus einer Ehe, deren Harmonie sich immer weiter verflüchtigt, deren Machtstrukturen immer weiter verrutschen, triggern Kate, holen verdrängte Erinnerungen an die sexuelle Belästigung durch ihren Chef, vor dem sie einmal quer durch die USA floh, ans Licht. Mit der Gewalt, die manche Männer über Frauen ausüben wollen, um jeden Preis, kennt Kate sich schließlich bestens aus. Was, wenn auch Miranda diese Gewalt erleben musste? Wenn sie diese nicht nur erlebte, sondern diese ihr Leben beendete?

Sara Sligar nimmt sich Zeit für ihre Geschichte, immerhin 432 Seiten, aber das lohnt sich. War ich anfangs etwas ungeduldig (eine generelle Schwäche), spürte ich bald schon die Wirkung der langsamen Erzählart, wenn Kate sich erst rantastet, dann reinstürzt, dann völlig besessen ist von Mirandas Schicksal und dabei Schritt für Schritt auch ihre eigene Geschichte enthüllt wird. Dabei kramt die Autorin keine großen Tragödien hervor, sondern behandelt sehr feinfühlig, klar und überhaupt nicht sensationsheischend die leider alltäglichen weiblichen Geschichten: Manipulation bis hin zu Gewalt in der Ehe, Machtmissbrauch am Arbeitsplatz sowie deren Langzeitfolgen und ein zu oft tabuisiertes Thema: postpartale Psychosen. Dabei zeichnet sie die tiefgründigen Portraits zweier Frauen, die an Männern zerbrechen, in einer Welt, in der das Gesetz des Stärkeren gilt – das von Hetero-Männern.

Dieses Buch in der MeToo-Schublade zu versenken wird der komplexen Geschichte und den mit viel psychologischem Feingefühl ausgearbeiteten Figuren absolut nicht gerecht. Nur bitte nicht vom verfehlten Cover und verkitschten Titel abschrecken lassen. Der Inhalt ist besser als die Verpackung, versprochen!

Über die Autorin: Sara Sligar studierte u. a. Englisch an der University of Pennsylvania und Geschichte an der University of Cambridge. Sie promovierte über dem Zusammenhang zwischen Literatur und dem modernen Strafrecht und unterrichtet Englisch sowie Kreatives Schreiben an der University of Southern California in L.A. Nach diversen Kurzgeschichten ist Alles, was zu ihr gehört ihr erster Roman.

Über die Übersetzerin: Ulrike Brauns studierte Germanistik, Skandinavistik, Englische Literatur und Gender Studies und lebt in Berlin.

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