Christelle Dabos: Die Spiegelreisende (Band 1–4)

Da diese Bücher nicht gerade ins „Programm“ meines Blogs passen, wollte ich sie hier eigentlich gar nicht rezensieren. Aber da ich ohnehin allen Menschen, mit denen ich mich über Lesefutter unterhalte, von ihnen vorschwärme, werfe ich jetzt mal alle selbst auferlegten Regeln über Bord und empfehle euch diese großartige Buchreihe. Und zwar wärmstens.

Worum geht’s? Irgendwann in der Zukunft (nein, keine Science Fiction, keine Bange) wird unsere Erde in viele kleine Stücke, sogenannte Archen, zerbrochen sein. Auf jeder Arche „herrscht“ ein anderer Familiengeist mit besonderen Kräften, welche er an seine Nachkommen weitergegeben hat. Auf Anima etwa, wo unsere Protagonistin Ophelia mit ihrer Familie lebt, beherrschen alle Menschen den Animismus, das heißt, sie können leblose Objekte mit ihren Gefühlen anstecken, was zu teils amüsanten, teils chaotischen Situationen führt. Ophelia beispielsweise trägt stets einen Schal, der sich von ihrer Nervosität, Wut oder Freude gern mal inspirieren lässt und wild um sich peitscht. Auch ihre Brillengläser verfärben sich je nach Ophelias Gefühlslage, womit sie leider nie etwas von dem, was in ihrem Inneren vorgeht, verbergen kann. Kommt ihre ganze große Familie zusammen, tanzen auch mal die Möbel im Raum herum, das Besteck sticht einem in die Hände, das Licht flackert. Nun aber soll Ophelia diese vertraute Welt verlassen, um Thorn, einen Mann von einer anderen Arche, zu heiraten. Nein sagen kommt nicht infrage, daran lassen die weisen Frauen, die Anima regieren, keinen Zweifel. Wenn Ophelia nicht einwilligt, wird sie verstoßen.

Als Thorn dann vor ihr steht, um sie abzuholen, kommt in Ophelia Panik auf. Was soll sie denn mit diesem riesigen, prinzipientreuen, eiskalten Klotz anfangen? Und er mit ihr, klein, tollpatschig und unsicher, wie sie nun mal ist. Sicher keine Familie gründen! Doch eine Wahl bleibt ihr nicht. Am Pol, Thorns Arche, angekommen, wird Ophelia Hals über Kopf in eine ihr völlig fremde Welt gestoßen. Hier gibt es keinen Animismus, sondern eine viel gefährlichere Familienkraft: Thorns Clan, die Drachen, können anderen allein mit ihren Gedanken körperliche Gewalt antun. Andere Clans erschaffen perfekte Illusionen, wieder andere dringen in die Gedanken ihrer Mitmenschen ein und manipulieren diese. Um Ophelia zu schützen, wird sie bei Berenilde, Thorns schöner, aber undurchsichtiger Tante, untergebracht. Was Ophelia und ihre Anstandsdame, Großtante Roseline, völlig übertrieben finden, wird bald schon zur Gewissheit: Ophelia schwebt in Gefahr, denn Thorn als höchster Beamte am Hof vom Pol ist zugleich der meist gehasste Mann dort – und Ophelias Familienkräfte sind hier gar nicht gern gesehen. Denn sie ist nicht nur eine Animistin, sondern auch eine der besten Leserinnen auf Anima – sobald sie einen Gegenstand berührt, taucht sie in dessen Geschichte ein. Und als Spiegelreisende kann sie überall hinreisen, wo ein Spiegel hängt, eine mehr als seltene Gabe, selbst in dieser Welt voller Kuriositäten.

Über vier Bände hinweg folgen wir den Abenteuern von Ophelia, Thorn, Berenilde, Roseline und vielen anderen, denen wir im Laufe der insgesamt etwa 2.500 Seiten starken Geschichte begegnen. Dabei entfalten diese Romane, die irgendwo zwischen Jugendbuch und alterslos rangieren, eine ganze eigene Magie, die am ehesten an die der Harry Potter-Romane erinnert. Die liebevolle Figurenzeichnung und lebendige, überraschende Sprache der Autorin sorgen für durchgelesene Tage und Nächte, während Ophelia zu ergründen versucht, warum die Welt in Archen zerbrach, warum die Familiengeister ihr Gedächtnis verloren haben – und welchen Einfluss das bis heute auf die Bewohner der Archen hat.

Wenn ihr also mal alles um euch herum vergessen wollt: Abwasch, Staubsaugen, Einkauf, wenn ihr Nächte durchmachen und am nächsten Tag trotz aller Müdigkeit keine Sekunde bereuen wollt, dann lege ich euch Ophelia, Thorn und alle anderen Figuren dieser trubeligen, spannenden, süchtig machenden Welt ans Herz!

Über die Autorin: Christelle Dabos (* 1980 an der Côte d’Azur) absolvierte eine Ausbildung zur Bibliothekarin, bevor sie 2005 nach Belgien zog, wo sie bis heute lebt. Nach einer Krebserkrankung 2007 begann sie mit dem Schreiben der Spiegelreisenden. Nach ersten im Internet veröffentlichten Auszügen gewann sie den Jugendbuchpreis des französischen Verlags Gallimard Jeunesse, woraufhin der komplette erste Band veröffentlicht wurde. Drei weitere folgten und wurden internationale, mehrfach ausgezeichnete Beststeller. Band 1: Die Verlobten des Winters, wurde für den Deutschen Jugendbuchpreis 2020 nominiert.

Über die Übersetzerin: Amelie Thoma (* 1970) studierte Kulturwissenschaften sowie Romanistik an der Humboldt Universität Berlin und arbeitete als Lektorin beim Aufbau Verlag, ehe sie sich als Übersetzerin selbstständig machte. Sie überträgt u. a. Marc Levy, Joël Dicker und Leïla Slimani ins Deutsche.

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