Victor Jestin: Hitze

Ein französischer Campingplatz mitten im Hochsommer: Familien im Ausnahmezustand, Teenager außer Rand und Band, hin- und hergerissen zwischen Sehnsucht und Verzweiflung, Unsicherheit und Verlangen.

Léonard ist eigentlich nur auf der Flucht vor seinen Altersgenossen, die sich auf einer Strandparty besinnungslos saufen, als er am Spielplatz vorbeikommt und schockiert beobachtet, wie sich Oscar an einer Schaukel stranguliert. Sie waren keine Freunde, das nicht, aber sicher auch keine Feinde – warum tut Léo dann nichts, um zu helfen? Wie erstarrt steht er da, bis es vorbei ist, bis Oscars Gesicht ausdruckslos wird, sein Körper schlaff. Erst dann tritt Léo in Aktion: Immer noch unter Schock stehend, schleift er Oscars Körper bis zum Strand und vergräbt ihn im Sand. Wider Erwarten geht das Leben am nächsten Morgen weiter: Körper bewegen sich im Takt der viel zu lauten Musik, wenden sich auf ihren Sonnenliegen wie Steaks auf dem Grill, alle schwitzen, alle wollen Spaß.

Mit dem Glücklichsein musste sich beeilt werden.

Nur Léo kann die Abfahrt aus diesem Ferienalbtraum kaum erwarten. Hat er Oscar umgebracht? Hätte er etwas tun können, um es zu verhindern? Was, wenn die Leiche unter den Füßen der Partywilligen entdeckt wird? Ausgebuddelt von einem Hund? Freigepustet vom Wind? Léo kann kaum einen klaren Gedanken fassen, die unbeschreibliche Hitze tut ihr Übriges. Und dann die Hiobsbotschaft: Sie fahren erst einen Tag später zurück nach Hause! Léo muss noch 24 Stunden länger ausharren.

Die hübsche Luce, die ihr Interesse an ihm deutlich signalisiert, kann ihn nur kurz von der Ungeheuerlichkeit seiner Tat ablenken. Getrieben von Schuldgefühlen, geht er zu Oscars Mutter, will ihr alles erzählen, doch im entscheidenden Moment verlässt ihn der Mut.  Noch hundertmal denkt er daran, es jemandem zu erzählen, tut es aber nicht. Irgendwann rückt die Kriminalpolizei an, und Léo fühlt sich immer weiter in die Ecke gedrängt: von seiner Familie, die ihm keinesfalls zu nahe treten will – er kann ruhig ein Mädchen mitbringen oder so …, von seinen Altersgenossen, die mit anderen Körperregionen als dem Hirn denken, von Luce, die ihn mal becirct, mal links liegen lässt, von seinen Schuldgefühlen und immer wieder von Oscars Gesicht.

Hitze ist mit 157 Seiten ein schmales Bändchen, aber nach der Lektüre fühlt man sich, als würde man von einem zweiwöchigen Urlaub auf der Sonne zurückkehren, ein bisschen schwindelig von dem Strudel aus so gut nachvollziehbaren Emotionen, die ihren Anfang in einem absolut dämlichen, unverständlichen Moment nehmen, wie er uns allen passieren könnte (vielleicht nicht ganz so krass, oaky). Aber wer kennt das Grundszenario nicht: eine Dummheit begangen, und alles, was dann kommt, macht es nur noch schlimmer.

Dabei schildert Debütautor Jestin Léos Verzweiflung so plastisch, dass es einem unter die Haut geht – die Verwirrung, das Entsetzen, der Wunsch, alles zu vergessen, der Versuch, weiterzumachen, die Einsicht, dass es nicht geht –, und gleichzeitig so lakonisch und geistreich, dass das Buch trotz allem Spaß macht, vor allem bei 25 °C Außentemperatur oder mehr. Vorsicht: am besten mit einem kühlenden Eis genießen!

Über den Autor: Victor Jestin (* 1994 in Nantes, Frankreich) studierte am Conservatoire européen d’écriture audiovisuelle in Paris. Hitze ist sein Debüt und wurde mit dem Prix Femina des lycéens ausgezeichnet.

Über die Übersetzerin: Sina de Malafosse (* 1984 in Siegen) studierte Romanistik sowie Komparatistik in Mainz und Dijon. Sie lebt als Lektorin und Übersetzerin in Toulouse und überträgt u. a. Adeline Dieudonné, Mathias Menegoz und Antoine Laurain ins Deutsche.

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