Vicky Baum: Vor Rehen wird gewarnt

Zugegeben, die Protagonistin Ann Ambros ist nicht leicht zu ertragen – und doch fasziniert sie ungemein. Tritt sie anfangs als zarte alte Dame auf, deren Herz geschwächt ist, die aber nur ungern Hilfe annimmt, möchte sie doch niemandem Umstände bereiten, erfährt man recht bald, dass es damit nicht weit her ist. Im Gegenteil, Ann Ambros hat sich ihr Leben lang ohne Rücksicht auf andere genommen, was sie wollte – und das war vor allem der begnadete Violinist Florian Ambros, bewundert und verehrt und in genau dem Rampenlicht stehend, das Ann sich ihr Leben lang wünschte. Allerdings ist Florian mit ihrer Schwester verheiratet. Doch unter dem Schleier zartester, schutzbedürftiger Weiblichkeit und unschuldigster Schönheit, mit Geduld und einem wahrhaft kriminellen Sinn für Ränkespiele gelangt Ann schließlich ans Ziel.

So ist es kein Wunder, dass Anns Stieftochter Joy in einem Anfall von Hilflosigkeit angesichts der neusten hinterhältigen Pläne ihrer Stiefmutter diese kurzerhand von einem dahinrasenden Zug stößt. Ann stirbt allerdings nicht, nein, unter den Flügeln von hundert Schutzengeln zieht sie sich zwar Blessuren zu. Doch ihr Rachedurst lässt sie wieder auf die Beine kommen. Auf der Suche nach Hilfe liegt ein langer Fußweg vor ihr, perfekt, um ihr Leben Revue passieren zu lassen – und so tauchen wir ein in das Leben der Ann Ambros, in das kaiserliche Wien zur Jahrhundertwende, in die pulsierende Metropole San Francisco Anfang des 20. Jahrhunderts … und in das Innerste einer Familie, die von Liebe und Abscheu zerrieben wird.

Für gelegentliche Längen, die vom Leser ein bisschen Geduld erfordern, wird man reich belohnt, denn Baum schreibt so lebendig und unkonventionell anschaulich, dass ich mich nur schwer vom Geschehen lösen konnte.

Irgendwo gab eine Drehorgel eine quiekende, zahnlückige Fassung des Zigeunerchors aus dem Troubadour zum

Besten …

Auch wenn Sätze wie dieser für eine Sprachenthusiastin wie mich das eigentliche Highlight dieses Romans darstellen, muss ich doch zugeben, dass die Darstellung Anns meisterhaft gelungen ist: Sie erfüllt mich mit abstrakter Faszination und zugleich mit enervierender Abscheu. Wie schafft Vicky Baum es, Ann nicht als falsche Schlange zu schildern und doch deutlich zu machen, dass sie genau das ist? Hier fällt kein einziges gemeines Wort. Stattdessen sieht man die Miene der Erzählerin fast schon vor sich: Mit einem feinen, hintersinnigen Lächeln erzählt sie uns von Ann, mit ironischem Unterton, einem winzigen Hauch von Bewunderung und viel Vergnügen an deren Erfolgen und Rückschlägen.

Über die Autorin: Die Jüdin Vicky Baum (* 24.01.1888 in Wien, Österreich, † 29.08.1960 in Los Angeles, USA) kam 1913 als Harfenistin nach Deutschland. Verheiratet mit dem Autor Max Prels, versuchte sich auch Baum am Schreiben. Zehn Jahre später wurde sie mit ihrem Roman Stud. chem. Helene Willfüer über Nacht bekannt, weitere Romane folgten, von denen einige als Theaterstücke adaptiert wurden. Als „Asphaltliterarin“ wurde Baums Werk von den Nazis verpönt und verbrannt, weswegen sie 1932 anlässlich der Hollywood-Verfilmung ihres größten Erfolgs Menschen im Hotel in die USA auswanderte, deren Staatsbürgerschaft sie 1938 annahm. Vor Rehen wird gewarnt verfasste Baum als einen ihrer letzten Romane 1951.

Über den Übersetzer der Originalfassung, dessen Übertragung dieser Neuausgabe zugrunde liegt, Carl Heinz Ostertag, konnte ich leider nichts in Erfahrung bringen.

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