Jami Attenberg: Nicht mein Ding

Ihre Leben sind aufgebaut wie Fertighäuser – jedes kostbare, aber komplett vorhersehbare Klötzchen wird vor deinen Augen auf ein anderes gesetzt.

Andrea, 39 Jahre alt, Single, depressiv, muss mitansehen, wie alle um sie herum heiraten, Häuser kaufen, Kinder bekommen. Diese Art Leben ist ihr jedoch fremd. Aufgewachsen bei einem drogenabhängigen Vater und einer ebenfalls depressiven Mutter, das Geld immer knapp, der Familienalltag irgendwie immer improvisiert, kennt Andrea keine häusliche Idylle. Ihr Vater brachte sich um, als sie ein Teenager war, danach wurde alles noch schlimmer, Männer gingen bei den Dinnerpartys ihrer Mutter ein und aus – ein verzweifelter Versuch, an Geld zu kommen –, manche von ihnen waren allerdings mehr an der Teenagertochter interessiert als am Essen.

Als gescheiterte Künstlerin kehrt Andrea 10 Jahre später in ihre Heimatstadt New York zurück, versucht verzweifelt, Boden unter die Füße zu bekommen, nachdem ihr großer Traum geplatzt ist. XXL-Pizzen, Alkohol, Drogen, Sex helfen dabei, doch Glück ist für Andrea etwas anderes. Sie schlittert immer haarscharf an der Katastrophe vorbei, lernt Männer kennen, die ihr nicht guttun, arbeitet als Notlösung in einer Grafikagentur, denkt jeden Tag über Kündigung nach, hangelt sich immer noch einen Tag weiter. Glück ist etwas anderes. Doch was?

Vielleicht doch der Weg der anderen? Als ihr Bruder nach ersten Erfolgen in der Musikbranche die kluge und patente Greta heiratet, eine Wohnung kauft, ein Kind bekommt, scheint zumindest bei ihm alles perfekt. Doch das Kind kommt mit einem schweren Herzfehler zur Welt, fortan dreht sich alles um das kleine Mädchen, das die Welt um sich herum niemals wahrnehmen wird. Ihr Bruder kann sich nicht mehr um die Musik kümmern, Greta verliert ihren Job – sie müssen New York verlassen. Andreas Mutter zieht bald zu der kleinen Familie, um zu helfen … und Andrea bleibt allein zurück. Fühlt sich verlassen, haltlos, trotz der angespannten Beziehung zu ihrer Familie. Auch das ist kein Glück.

Nach unseren Teenagerjahren ist Schluss mit lustig und wir halten alle einfach nur durch bis zum Tod.

Nicht mein Ding ist also nicht nur ein fortysomething-Roman, es geht schon deutlich tiefer – und deutlich melancholischer und düsterer zu. Er dreht sich nicht um Babys und Ehemänner, sondern darum, den richtigen Platz im Leben zu finden, abseits von gesellschaftlichen Erwartungen, die kein Mensch erfüllen kann – nicht mal Andreas beste Freundin, deren Leben so vielversprechend, so perfekt aussieht, bis das Kartenhaus in sich zusammenstürzt. Es geht darum, stärker zu sein als das Leben, das einem Knüppel zwischen die Beine wirft, stärker als die Leere, die einen mitzureißen droht. Dabei ist der Ton mal drastisch, mal einfühlsam, so wie die Protagonistin selbst, mal schaut sie mit Abscheu auf die Welt, mal mit einer rührenden Sentimentalität.

Wahres Glück gibt es in diesem Buch schlichtweg nicht, es stellt sich immer als Illusion heraus. Dahinter bleibt nur der tägliche Kampf, den wir mal allein, mal mit Wegbegleitern ausfechten müssen.

Über die Autorin: Jami Attenberg (* 1971 in Illinois) studierte an der Johns Hopkins University in Baltimore und lebt heute als Autorin in Brooklyn, New York. Sie veröffentlicht Romane und Erzählungen und wurde für Die Middlesteins sowie Saint Mazie vielfach ausgezeichnet.

Über die Übersetzerin: Barbara Christ studierte Literatur- und Theaterwissenschaften. Seit 1997 überträgt sie Theaterstücke und Prosa sie aus dem Englischen ins Deutsche, u. a. David Grieg und Doris Lessing.

 

 

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