Dana von Suffrin: Otto

Wie es heißt es so schön: Bei solchen Freunden braucht man keine Feinde mehr – in Dana von Suffrins Debütroman gilt das für Otto, einen alten Siebenbürger Juden, der seinen zwei erwachsenen Töchtern das Leben schwermacht. Nach zeitweisen schweren Erkrankungen und fast schon komatösen Zuständen, die ihn ans Krankenhausbett fesseln, kommt er jedes Mal wieder auf die Beine und büxt schon mal aus dem Hospital aus, wenn er die Faxen dicke hat, bis den Töchtern nichts anderes übrig bleibt, als eine ungarische Pflegerin einzustellen, die sich in seinem Haus in Trudering um ihn kümmert (und das Leben der Töchter nicht gerade angenehmer gestaltet).

So viel zur Rahmenhandlung – mehr Handlung findet auch eigentlich nicht statt. Stattdessen geht es um mosaikartige Anekdoten und Geschichten aus dem Leben Ottos und über die Beziehung zu seinen Töchtern, erzählt aus Sicht der ältesten, Timna. Dabei prallen Welten aufeinander: Während Otto noch schwer traumatisiert vom Holocaust ist, ohne selbst in einem KZ gewesen zu sein – und immer wieder zu Vorsichtsmaßnahmen bei spontan aufkommenden Deportationen mahnt –, funktioniert das Leben seiner Kinder relativ frei von solchen Gedanken. Und auch in anderer und für den Leser sehr unterhaltsamen Hinsicht kollidieren die Generationen: Ottos gewichtigem, lebensklugem Tonfall  (der ihn manchmal noch trotteliger erscheinen lässt als ohnehin schon in seiner billigen Lidl-Steppjacke und der Geiz-ist-geil-Mentalität) steht Timnas saloppe Sprache gegenüber, sowie eine gnadenlose Ehrlichkeit, in der sie zu sich selbst und ihrer Schwester steht. So begegnet sie Ottos Weltuntergangsstimmung mit schamloser Heiterkeit und haarsträubender wie beeindruckender Respektlosigkeit. Sie lachen sich selbst als Erwachsene kaputt über Ottos Windeln, die er dank Inkontinenz nun tragen muss, wofür er sich bei ihnen mit einem nachdrücklichen „Miststücke“ revanchiert. Der Umgangston in der Familie ist von herzlicher, bedenkenloser Offenheit, da fällt auch mal die eine oder andere Beschimpfung.

Was hier und da wie Geplänkel aussieht, wird aber immer auch von einem Ringen um das Verorten der eigenen Generation begleitet, ganz im Privaten, ohne global-historischen Hintergrund. Otto erwartet von seinen Töchtern bedingungslose Hingabe und Aufopferungsbereitschaft. Was auch immer sie tun, nie ist es genug oder gut genug. Sie kommen jeden Tag ins Krankenhaus? Warum nur einmal? Sie leisten ihm am Wochenende Gesellschaft in seinem Haus in Trudering? Schön und gut, aber warum nur am Wochenende? Warum ziehen sie nicht ganz bei ihm ein? Dass er seinen Töchtern Schuldgefühle bereitet, ist durchaus bewusster Sinn der Sache. Und Timna und Babi (so der Rufname der Jüngeren) fügen sich zum einen seinen hohen Ansprüchen, härten aber zum anderen auch ab und lassen die ständigen Tiraden an sich abprallen. Von Hassliebe zu sprechen wäre sicher zu viel des Guten, aber eine ungestörte Beziehung haben die Töchter zu ihrem Vater nicht – bei aller Liebe.

„Otto“ ist ein verwirrend „anderes“ Buch, eines, das Spaß macht, eines, das auch mal nervt, das verwirrt und zum Nachdenken anregt.

Über die Autorin: Dana von Suffrin (* 1985 in München) studierte Politikwissenschaft, Neuere und Neueste Geschichte sowie Komparatistik in München, Neapel und Jerusalem. Sie arbeitet als Museums- und Stadtführerin, promovierte 2017 zur Rolle von Wissenschaft und Ideologie im frühen Zionismus und ist seitdem Postdoc an der LMU.

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