Madeline Miller: Ich bin Circe

Griechische Sagen sind angestaubt? Von wegen! Madeleine Miller verleiht der Geschichte der Zauberin Circe einen ganz neuen, modernen Glanz.

Als unsterbliche Tochter von Helios und der Nymphe Perse wächst Circe im Palast ihres Vaters unter Göttern auf. Doch sie ist anders als ihre unzähligen Cousinen und Cousins, selbst anders als ihre Geschwister. Sie hat nicht die umwerfende Schönheit ihrer Mutter geerbt, nicht den gnadenlosen Intellekt ihres Vaters, nicht einmal eine angenehme Stimme war ihr vergönnt. Nein, Circe wird ob ihres unscheinbaren Äußeren, ihrer unsicheren, einschmeichelnden Art, ihrer kratzigen, dünnen Stimme verhöhnt, von Schwester, Brüdern, Mutter … und schließlich von ihrem Vater verstoßen.

Wie es dazu kommt? Wie bei so vielen Unglücksgeschichten über die Zeiten hinweg: Circe wurde zurückgestoßen, verhöhnt, verlacht, immer und immer wieder. Als selbst ihr geliebter Bruder, den sie großgezogen und umsorgt hat, wie es nicht einmal seine eigene Mutter vermochte, sich von ihr abwendet, verliebt sie sich auf der Suche nach etwas Eigenem in einen Sterblichen – und er sich in sie. In dem Bewusstsein, ihn jederzeit an den Tod verlieren zu können, erinnert sie sich an alte Geschichten und verwendet Moly, eine Pflanze, die aus dem vergossenen Blut des Titanen Kronos wächst und jeden zu seiner wahren Bestimmung führen soll, um ihren Geliebten in einen Gott zu verwandeln. Doch es folgt kein Happy End … denn der frischgebackene Gott denkt gar nicht daran, Circe zu danken, nein, er sonnt sich in seiner unerwarteten Pracht und möchte Circes schöne, gehässige Cousine Scylla zur Frau nehmen. Das ist selbst für die duldsame Circe zu viel. Kurzerhand verwandelt sie Scylla in ein Ungeheuer und hofft, nun, da die Bahn frei ist, endlich ihren Geliebten heiraten zu können. Doch der will immer noch nicht.

Wutentbrannt darüber, nie wahrgenommen zu werden, berichtet Circe vor aller Augen ihrem Vater, dem Sonnengott Helios, von ihren Zaubern und wird zur Strafe auf die Insel Aiaia verbannt, wo sie ein Dasein in Einsamkeit und Abgeschiedenheit fristen soll. Selbst wenn die Ewigkeit unter solchen Umständen ziemlich lang werden kann, ist Circe darüber alles andere als unglücklich. Endlich ist sie ihre eigene Chefin, niemand mehr, der sie verurteilt oder auslacht. Sie kann ihre neu entdeckten Zauberkünste trainieren – wie ihre grausamen Geschwister, die sich schon vor Langem eigene Domizile gesucht haben und dort ihre schreckliche Hexenkunst ausüben. Doch Circe bleibt nicht lange allein, erst werden widerspenstige Nymphen von ihren Vätern zu ihr ins Exil geschickt, dann legen ganze Schiffsladungen ausgehungerter, verängstigter, aber auch kampferprobter Männer an ihrem Strand an. Freut sich Circe anfangs noch über ihre Rolle als generöse Gastgeberin und die Abwechslung, die die Männer ihr bieten, sieht sie sich bald schon mit deren hemmungslosen Gier konfrontiert. Das Haus einer Göttin voller Kostbarkeiten und eine Frau ganz allein – da lassen einige ihrer Gäste jede Zurückhaltung fallen, und Circe muss fortan zu rigorosen Methoden greifen, um sich und ihre Insel zu schützen.

Nicht alle Gäste allerdings sind unwillkommen, sie begegnet dem begnadeten Erfinder Daedalus, dem berühmt-berüchtigten Minotaurus, selbst Odysseus legt an ihrer Insel an und findet in Circes Armen eine kurze Pause von seiner Irrfahrt – und sie in seinen eine Ablenkung von ihrer Einsamkeit.

Ich bin Circe ist ein beeindruckender Gegenentwurf zu den großen Sagen, die sich um männliche Heldentaten, um große Schlachten, Kriegslisten, Tapferkeit, Ruhm und Ehre drehen. Die Autorin Madeleine Miller schildert mit beeindruckendem Sinn fürs Detail, wie das Leben einer Göttin ausgesehen haben könnte, die sich nicht in ihre Rolle als mund- und möglichst hirntotes Frauchen fügen mag. Jenseits von den enttäuschten Erwartungen ihrer Familie ist es ein weiter und schwerer Weg zu ihrem wahren Selbst – und genau darin liegt die zeitlose Kraft dieses Romans. Denn wir alle müssen diesen Weg gehen, auch wenn wir keine Kinder von Göttern sind und Zauberkräfte besitzen. Enttäuschungen müssen wir alle überstehen und uns selbst behaupten, was denen gegenüber, die wir lieben, manchmal am schwersten ist. Bei alldem sind Circes wahre Heldentaten aber nie mit ihren Zauberkräften verbunden, sondern liegen in ihren allzu menschlichen Reaktionen, Gefühlen und Handlungen, die Miller so authentisch darstellt.

Fazit: Ich bin Circe ist viel mehr als eine Auffrischung in griechischer Mythologie, es ist ein modernes Heldinnenepos und ein psychologischer Roman in einem, bewegend und aufwühlend, dabei wunderbar mitreißend geschrieben, und holt eine Legendenfigur in das wahre Leben voller Licht und Schatten.

Über die Autorin: Madeleine Miller (* 1978 in Boston, USA) studierte Altphilologie und arbeitet als Lehrerin für Latein und Griechisch. Für ihren Debütroman Das Lied des Achill, der die Geschichte von Achilles und Patroklos erzählt und in 25 Sprachen übersetzt wurde, erhielt sie 2012 den Orange Prize for Fiction. Ich bin Circe ist ihr zweiter Roman und stand auf Platz 1 der NYT-Bestsellerliste.

Über die Übersetzerin: Frauke Brodd studierte Anglistik und Amerikanistik, arbeitete als Verlagslektorin und lebt heute als Übersetzerin, freie Lektorin und Texterin in Luxemburg.

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