Ursula K. Le Guin: Die linke Hand der Dunkelheit

Ein Gedankenexperiment zum Thema Androgynität … klingt abschreckend? Könnte es vielleicht sein, doch aus der Feder einer der erfolgreichsten, meistgerühmten Science-Fiction-Autorinnen ist es spannend und geistreich zugleich.

Die linke Hand der Dunkelheit ist ein Roman aus dem Hainish-Zyklus der amerikanischen Autorin Ursula K. Le Guin. Erstmals veröffentlicht 1969, wird das Buch zu den ersten feministischen Science-Fiction-Romanen gezählt (aber es geht nicht nur darum, keine Sorge). Sein Alter merkt man dem Buch tatsächlich nicht an, wobei mir die Übersetzung von 2014 von Gisela Stege vorlag, die hier ganze Arbeit geleistet hat.

In einem alternativen Universum versucht die sogenannte Ökumene alle bewohnten Planeten zu einem losen Bund zusammenzuführen. Ein Gesandter, der für diese Mission speziell ausgebildet wurde, reist auf den Planeten Winter, um dessen Herrscher vom Beitritt zur Ökumene zu überzeugen, doch es schlagen ihm Misstrauen und Unglauben entgegen, er wird in Intrigen und Verrat verwickelt und muss schließlich um sein Überleben kämpfen. Das klingt bis hierhin vielleicht nicht so spektakulär, aber das Besondere auf Winter ist: Die Bewohner sind androgyn, werden nur einmal im Monat geschlechtsreif und bilden auch nur dann Geschlechtsorgane aus, die mal männlich, mal weiblich sein können. Jeder Mensch kann hier also Kinder gebären und ist dementsprechend nicht an eine biologisch festgelegte Geschlechterrolle gebunden, auch nicht an einen festen Partner.

Die Tatsache, dass jedermann zwischen siebzehn und fünfunddreißig Jahren in die Lage geraten kann […], „ans Kindbett gefesselt zu sein“, bedeutet, dass hier kein Mensch so gründlich „gefesselt“ ist, wie es die Frauen anderswo gemeinhin sind – sowohl in psychologischer als auch in physischer Hinsicht.

Theoretische Betrachtungen dieser Art sind im (meiner Meinung nach) Kernkapitel „Die Sexualfrage“ festgehalten, die in Form eines philosophischen Traktats in die Romanhandlung eingestreut sind, wie sich generell mehrere Zwischenkapitel mit Gründungsmythen oder Sagen des Planeten Winter finden. Abgesehen von diesem Traktat beobachten wir durch die Augen des Gesandten Genly die Bewohner von Winter in ihrem Alltag. Wenn es keine Frauen mehr gibt, die zu Hause bleiben wollen/müssen, um die Kinder zu hüten, welche alternativen Lösungen gibt es für die Kinderbetreuung? Wie sieht die Eltern-Kind-Bindung auf diesem Planeten aus, auf dem es keine Mutter-/Vater-Unterteilung gibt … Ursula K. Le Guin hat sich Mühe gegeben, neue gesellschaftliche Szenarien zu entwerfen. Insgesamt ist unsere dualistische Sprache aber die größte Hürde, die sie nehmen muss. Welches Pronomen weist man denn androgynen Protagonisten zu? „Er“ und „sie“ passt ja eigentlich nicht, „es“ genauso wenig, doch sie musste sich entscheiden und hat sich für „er“ entschieden, vielleicht kein Wunder, da der Protagonist, der Gesandte aus einer anderen Welt, ja auch ein Mann ist. Wäre eine Frau die Botschafterin gewesen, hätte sie in den androgynen Wesen, die nicht geschlechtslos sind, sondern beide Geschlechter in sich vereinen, womöglich Frauen gesehen. Schon hier wird deutlich, wie schwer es ist, unser starres Geschlechtersystem zu verlassen, und sei es nur in unserer Fantasie.

Ein bisschen aufgestoßen ist mir daher der negative Blick von Genly auf Frauen. Die Bewohner von Winter werden in seinen Augen immer dann zu Frauen, wenn sie etwas Negatives tun – wenn ihre Stimme höher wird oder sie „weinerlich“ oder neugierig werden, die Hüften verführerisch schwingen, sobald sie geschlechtsreif sind, oder sogar „keifen“, weil sie sich über etwas ärgern. Da wir es hier aber zum Glück nicht mit einem feministischen Manifest zu tun haben, sondern erklärtermaßen mit einem Gedankenexperiment, halte ich mich damit aber nicht länger auf.

Natürlich geht es auch um Geschlechtergrenzen, die Männer einengen: Ein Winter-Bewohner, der länger mit Genly unterwegs ist, beobachtet an ihm fragwürdige Charakterzüge. Warum darf Genly nicht weinen, zum Beispiel? Mag die Situation noch so hoffnungslos und verzweifelt sein – Genly ist das Weinen peinlich, so sehr, dass er nicht mal die Tränen seines Winter-Kameraden sehen möchte. Für jemanden, der keiner Männlichkeits-Doktrin unterworfen ist, wahrhaft merkwürdig. (Das Beispiel mag mittlerweile altbacken sein, aber vergessen wir nicht das Entstehungsdatum.)

Wie vermutlich bei vielen Science-Fiction-Romanen (da das nicht unbedingt mein Genre ist, weiß ich es nicht sicher) dauert es eine Weile, bis man in die Handlung einsteigt, so viel Unbekanntes spielt sich hier ab, Wortneuschöpfungen, ja, aber vor allem neue Konzepte, eine neue Welt halt. Für mich waren daher die ersten Kapitel eine Hürde, aber dann hat mich die Handlung so gepackt, dass ich fast die Nächte durchgelesen hätte – wenn mich nicht die Vernunft an den Wecker erinnert hätte.

Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Es geht in diesem Buch nicht pausenlos um Geschlechterrollen, man kann es auch ganz wunderbar lesen, wenn man sich nicht für Feminismus etc. interessiert. Ursula K. Le Guin weiß hervorragend und vor allem intelligent und vielschichtig zu unterhalten. Politik und Strategie sind neben gesellschaftlichen Themen auf Winter ebenso relevant wie religiöse und philosophische Fragestellungen, die den Leser durchaus auch mal fordern.

Über die Autorin: Ursula K. Le Guin (* 1929 in Berkeley, Kalifornien, USA; † 2018 in Portland, Oregon, USA) war eine US-amerikanische Schriftstellerin mit deutschen Wurzeln. Sie studierte Literatur in Cambridge und italienische und französische Renaissance an der Columbia University in New York. Nach Zwischenstationen als Hochschuldozentin in Macon, Moscow und Atlanta ließ sich Ursula mit ihrem Mann Charles A. Le Guin in Portland nieder, wo sie ab 1962 hauptsächlich Schriftstellerin war. Schon nach den ersten Veröffentlichungen stellte sich der Erfolg ein, sie wurde mit wichtigen Genre-Literaturpreisen geehrt, darüber hinaus aber auch u. a. für den National Book Award, den American Book Award und den Pulitzerpreis nominiert und verfasste zahlreiche Romane, Kinderbücher, Kurzgeschichten und Sachliteratur.

Über die Übersetzerin: Gisela Stege macht sich im Internet sehr rar, daher kann ich leider nur schreiben, dass sie – Überraschung – Übersetzerin ist und u. a. Salman Rushdie und Bernard Cornwell ins Deutsche überträgt.

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