Saša Stanišic: Herkunft

In Zeiten von Flüchtlingsströmen auf der ganzen Welt, der Frage nach Integration und Kulturclash hat Saša Stanišic mit seinem neuen Buch Herkunft ein klares Statement vorgelegt. Enthalten sind keine trockenen Abhandlungen, keine harten Fakten, sondern Erinnerungen und Überlegungen zur eigenen Geschichte. Geboren 1978 in Višegrad, einer Stadt in Bosnien kurz vor der Grenze zu Serbien, flüchtete er mit seinen Eltern vor dem Bosnienkrieg nach Heidelberg. Višegrad war massiv von ethnischen Säuberungen der Serben betroffen, was vor allem ihn und seine Mutter in Gefahr brachte und die Einwohnerzahl der Stadt in wenigen Jahren um etwa die Hälfte reduzierte. Während ein Großteil der Familie ins Ausland floh, blieb seine geliebte Großmutter Kristina in Višegrad zurück und lebte dort bis zum ihrem Tod 2018.

Heute lebt Stanišic als angesehener und erfolgreicher Autor mit seiner Familie in Hamburg. Doch das war nicht immer so. Ihn prägte nicht nur die familiär geprägte frühe Kindheit in Bosnien, sondern auch die anschließende Zeit als Flüchtling in Heidelberg, das gesellschaftliche Ausgeschlossensein, die ständige Vorsicht, bloß nichts Falsches zu sagen, keine Klischees und Vorurteile zu bestätigen, die finanzielle Not, da die Eltern, einst Akademiker in Bosnien, nun als Bauarbeiter und Wäscherin das magere Einkommen verdienen. Der Freundeskreis besteht ausschließlich aus anderen Geflüchteten, die sich in dem Stadtviertel, weitab vom schicken Kern der historischen Stadt, an der ARAL-Tankstelle treffen. Von Integration keine Spur. Aber Stanišic hat Glück, da ist ein Lehrer, der sich für seine Gedichte interessiert, ihn ermutigt, auch welche auf Deutsch zu verfassen. Da ist eine Beamtin, die ihn bleiben lässt, nachdem er sie mühevoll nach vielen Jahren in Deutschland davon überzeugen kann, dass Schriftsteller ein Beruf ist, von dem man (mit viel Glück, aber das muss er ihr ja nicht auf die Nase binden) leben kann.

Seine Eltern dürfen hingegen nicht bleiben. Sie ziehen in die USA, dann wieder in die Balkanregion, führen ein unstetes Leben, immer unter dem Stempel „Flüchtling“, im Ausland. Den Weg zurück gibt es für sie nicht.

Doch kann man wirklich in der Fremde ankommen, wenn die Wurzeln doch woanders sind? Sooft er kann, besucht Stanišic seine Großmutter Kristina, die in Višegrad zurückblieb, in der Nähe des Heimatorts ihres verstorbenen Mannes. Sie will ihrem Enkel die familiäre Herkunft näherbringen, nimmt ihn mit nach Oskoruša, dem winzigen Dorf, in dem Pero, sein Großvater, aufwuchs und das mittlerweile vom Aussterben bedroht ist. Niemand will mehr so weit ab vom Schuss, so ländlich, ohne jeden Komfort leben. Die Jungen gehen, die Alten sterben, die Schafe sind auf sich allein gestellt. Hier erfährt Saša so einiges, über seinen Großvater, über seine Großmutter, aber auch über sich selbst. Und als Kristina an Demenz erkrankt, bringt das alles ins Wanken, sie ist doch das lebende Gedächtnis, der pulsierende Kern der Familie. Und so schreibt Stanišic nicht linear von ihrem nahenden Ende, sondern in einer DIY-Geschichte, aus der in jeder Zeile der Schmerz über den Verlust der liebevoll ruppigen Großmutter spricht.

Überhaupt ist Herkunft ein extrem persönliches und bewundernswert offenes Buch, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart übereinanderlegen, undurchschaubar, untrennbar. Da wird es verständlich, dass Stanišic schreibt, er möchte am liebsten in zwei Zeiten gleichzeitig leben. Natürlich kann er sich nicht an alles wortgetreu erinnern, was er hier schreibt, manches muss er den Figuren in den Mund legen, und er steht auch ganz offen dazu. So wird Herkunft gleichzeitig ein Zeugnis des Schreibens und Schaffens von Erinnerung. Eine Erinnerung ist eine Erinnerung ist eine Erinnerung ist eine Metapher. Um ein solches Buch schreiben zu können, muss Stanišic manchmal tricksen, aber das Ganze bleibt authentisch und so wahr.

Ich verstehe nicht, dass Herkunft Eigenschaften mit sich bringen soll, und verstehe nicht, dass manche bereit sind, in ihrem Namen in Schlachten zu ziehen.

Das ist der Kern dieses Buches. Stanišic wehrt sich dagegen, nicht als Mensch wahrgenommen zu werden, sondern als „Flüchtling“. Jeder von uns trägt seine Heimat mit sich, aber nicht als Gewand und Klassifizierung, sondern als zutiefst persönlichen, intimen Schatz von Glück und Schmerz.

Über den Autor: Saša Stanišic (* 1978 in Višegrad, Bosnien und Herzegowina) floh 1992 mit seiner Familie vor dem Bosnienkrieg nach Deutschland, wo er nach dem Abitur in Heidelberg Deutsch als Fremdsprache und Slawistik studierte, anschließend studierte er am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2005 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Literaturwettbewerb teil. Mit seinem Debütroman Wie der Soldat das Grammofon repariert, worin er seine Erfahrungen im Bosnienkrieg verarbeitet, gelang Stanišic der Durchbruch, er erreichte die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2006 – so wie jetzt auch Herkunft – und wurde in über 30 Sprachen übersetzt. Für seinen zweiten Roman Vor dem Fest erhielt er 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse. Weitere Auszeichnungen sind u. a. der Adelbert-von-Chamisso-Preis, der Heimito von Doderer-Literaturpreis sowie der Alfred-Döblin-Preis. 2019 erhielt Stanišić außerdem eine Poetikdozentur von der Hochschule RheinMain und der Landeshauptstadt Wiesbaden. Ob er mit Herkunft zusätzlich den begehrten Deutschen Buchpreis 2019 erringen kann, wird am 14. Oktober verkündet. Ich drücke Die Daumen!

 

Ein Gedanke zu “Saša Stanišic: Herkunft

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