Rebecca Solnit: Wenn Männer mir die Welt erklären

Welche Frau kennt das nicht: Ein harmloses Gespräch mit einem Mann, und irgendwann übernimmt er die Führung und erklärt ihr auf Teufel komm raus Dinge, die sie viel besser weiß als er. Sie ist die Expertin? Egal. Er ist der Mann, also weiß er es natürlich besser und hat selbstverständlich recht.

Auch Rebecca Solnit ist es so ergangen, auf einer Party verhielt sich ein Gesprächspartner so penetrant, dass sie daraufhin ein Essay verfasste, auf den der Begriff Mensplaining zurückgeht („Wenn Männer mir die Welt erklären“, enthalten im vorliegenden Essayband). Doch ihre Themen reichen weit über das unangemessene (und oft auch unbewusste) Verhalten von Männern in Alltagssituationen hinaus. Viel erschreckender als arrogante Männlichkeit und männliche Arroganz ist die allgegenwärtige körperliche und sexuelle Belästigung. In Zeiten, in denen sich Frauen vor allem online als „Drecksfotze“ (s. den Fall Künast) beschimpfen lassen müssen, und das als legitim angesehen wird, in denen ihnen Gewalt und Vergewaltigungen angedroht werden, um sie mundtot zu machen, ist es dringend notwendig, dieses Thema immer und immer wieder öffentlich zu besprechen.

Mir wird gern – von Männern – erzählt, wir hätten doch die Geschlechtergleichheit, was regt ihr Frauen euch immer auf? Ihr werdet gleich bezahlt, habt die gleichen Rechte, nun ist doch mal gut. (Um gerecht zu sein: Auch Frauen vertreten diese These.) Für solche Fälle trage ich ab sofort am besten immer Solnits Essays mit mir herum. Die in ihren Artikeln enthaltenen Fakten sollten Augen öffnen: In den USA findet alle 6,2 Minuten eine Vergewaltigung statt; 2017 wurden weltweit etwa 87.000 Frauen von Männern ermordet (in Deutschland immerhin eine Frau pro Tag) – eine so immense Zahl, dass man von einem Feminizid sprechen kann.

Selbst Gruppenvergewaltigungen sind leider nicht so selten, wie man annehmen möchte, sie kommen nicht nur in indischen Bussen, sondern regelmäßig überall auf der Welt vor. Die wenigsten schaffen es in die Medien. Jüngstes Beispiel: Seit mehrere Polizisten in Mexiko eine Jugendliche vergewaltigten, gehen im ganzen Land Frauen auf die Straße, um auf ein Verbrechen aufmerksam zu machen, das jeden Tag vor aller Augen ungestraft stattfindet. Worüber berichten die Medien? Über die Ausschreitungen, die sich vereinzelt am Rande abspielen. Über das Anliegen der Hunderttausenden Frauen wird hingegen nicht gesprochen, wie so oft die Rechte der Frauen beschnitten und verleugnet werden. Recht auf Gerechtigkeit? Recht auf den eigenen Körper? Recht auf eigene Meinung? In vielen Staaten Fehlanzeige. Frau kann sich nicht einmal sicher sein, dass sie ihre hart erkämpften Rechte dauerhaft behält. In Polen wird über die Abschaffung der Abtreibung diskutiert, in Deutschland dürfen Gynäkologen nicht öffentlich über Abtreibung informieren (in Juristen-Deutsch: „werben“).

In den USA behaupten Männer (Republikaner, wer hätt’s vermutet) sogar öffentlich, der Körper einer Frau wisse sich vor den Folgen einer Vergewaltigung zu schützen. Ein gewisser Präsident brüstete sich damit, Frauen öffentlich anfassen zu dürfen, ohne dass ihn das Wählerstimmen koste. In 31 von 50 Staaten haben Vergewaltiger Vaterrechte. In Deutschland kommen etliche angezeigte Vergewaltigungen nicht vor Gericht, weil dort das Personal fehlt und die Verjährungsfrist so kurz ist. Ja, diese Liste ist ermüdend, aber sie ließe sich endlos fortsetzen. Und nein, das sind alles keine Einzelfälle, sondern lediglich Beispiele für einen allgemeinen gesellschaftlichen Missstand!

Zwischen all diesen Themen mutet ein Essay über gleichgeschlechtliche Ehe dann erst mal merkwürdig an, doch Solnit schlägt überlegt und klug den Bogen zu den Verhältnissen in Hetero-Ehen, in denen nach wie vor oft genug der Mann das Sagen hat, die absolute Herrschaft und Macht und die feste Überzeugung: Der Mann darf die Frau dominieren, das ist sein gottgegebenes Recht!

Ja, die eheliche Gleichstellung ist eine Bedrohung – für die Ungleichheit. Sie ist ein Segen für alle, die Gleichheit schätzen und von ihr profitieren. Sie dient uns allen.

Solnits Fazit: Auf der Suche nach Schuldigen geraten immer noch viel zu oft die Frauen ins Visier. Da rät ein kanadischer Cop vor einer Schulklasse den Mädchen, sich nicht wie Nutten zu kleiden, dann werden sie auch nicht vergewaltigt. Und Henriette Reker, ehemalige Oberbürgermeisterin Kölns, hat nach den Silvesterangriffen von 2015/2016 nichts Besseres zu tun, als Frauen zu raten, mehr als eine Armeslänge Abstand zu möglichen Tätern zu halten. Wer rät den Männern, bitte einfach mal nicht zu grapschen, zu belästigen und zu vergewaltigen? Wieso liegt die Last auf den Schultern der potenziellen Opfer?

Solnit zufolge wird auf der Suche nach Tätern der Faktor Männlichkeit schlichtweg ignoriert. Hautfarbe, Alter, soziales Milieu, Herkunft, alles wird herangezogen, um Ursachen aufzutun, aber nie das Geschlecht. Natürlich begehen auch Frauen Verbrechen, aber sexualisierte Gewalt ist eindeutig ein männliches Machtinstrument, das analog und digital tagtäglich eingesetzt wird, um Frauen einzuschüchtern und im schlimmsten Fall auszuschalten.

Über die Autorin: Rebecca Solnit (* 1961 in Bridgeport, USA) ist eine US-amerikanische Schriftstellerin, Journalistin und Kulturhistorikerin. Sie studierte in Paris, San Francisco und Berkeley Journalismus und arbeitet seit 1988 als freie Redakteurin für u. a. The Guardian, Harper’s und TomDispatch.com. Nebenher engagiert sie sich für diverse gesellschaftliche Themen, wie den Pazifismus, die Rechte der Indianer, Klimaschutz. Für ihre Veröffentlichungen erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen.

Über die Übersetzerinnen: Bettina Münch (* 1962 in Grünberg) studierte Anglistik, Amerikanistik und Germanistik in Marburg/Lahn, in Southampton und an der Bowling Green State University, USA. Sie arbeitete als Kinder- und Jugendbuchlektorin im Sauerländer Verlag und überträgt heute als literarische Übersetzerin u. a. Philip Kerr und V.S. Naipaul ins Deutsche.

Kathrin Razum (* 1964 in Frankfurt am Main) studierte Anglistik und Geschichte in Heidelberg und Baton Rouge, USA. Seit Mitte der 1990er arbeitet sie als freie Lektorin und Übersetzerin. Sie überträgt u. a. Edna O’Brien, Susan Sontag und T. C. Boyle ins Deutsche.

 

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