Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse

Die meisten Bücher sind Kopfsache, doch dieses geht unter die Haut!

Kya ist erst sechs Jahre alt, als ihre Mutter ihre Sachen packt und den Weg hinunter verschwindet. Zurück bleiben neben ihrer jüngsten Tochter ihr gewalttätiger, trunksüchtiger Ehemann und weitere vier Kinder. Es dauert nicht lange, dann verschwinden auch die anderen einer nach dem anderen, bis Kya mit ihrem Vater allein zurückbleibt. Anfangs nimmt er auf seinen spärlichen Stippvisiten in der ärmlichen, heruntergekommen Hütte mitten im Marschland von North Carolina von seiner Tochter gar keine Notiz, später folgt eine kurze Phase der Annäherung, in der er dem kleinen Mädchen immerhin Angeln beibringt. Das ist auch notwendig, denn es dauert nicht lange, bis Kya in einer unwirtlichen Gegend ganz auf sich allein gestellt ist …

Wir folgen Kyas Leben von Mitte der Fünfzigerjahre bis Ende der Sechziger, sehen, wie sie sich mühevoll durchschlägt, fantasievoll für sich allein sorgt, gegen die Einsamkeit ankämpft, die sie von Zeit zu Zeit zu verschlingen droht, wie sie Trost bei den Pflanzen und Tieren der Marsch findet, Möwen füttert und auch einen Tag in der örtlichen Schule verbringt, bevor sie beschließt, das ist einfach nicht ihr Ding … Und wir erleben mit ihr die Aufregungen der ersten Liebe, als der ehemals beste Freund ihres verschwundenen Bruders sich nicht nur ihrer annimmt, sondern entgegen der Vorurteile und Beleidigungen der Dorfbewohner Gefühle für sie entwickelt.

Parallel zu dieser Handlung rund um Kya und die Herausforderungen ihres einsamen Lebens geht es um den mysteriösen Todesfall des Star-Quarterbacks im kleinen Örtchen Barkley Cove. Erst nach und nach entfalten sich die Berührungspunkte dieser zwei Handlungsstränge und entwickeln im letzten Drittel des Romans eine solche Spannung, dass ich kaum weiterzulesen wagte – auch deswegen, weil ich nicht dem unvermeidlichen Ende dieses wunderbaren, süchtigmachenden Romans entgegenlesen wollte.

Delia Owens hat mit knapp siebzig Jahren ihr Debüt geschrieben und ein Hohelied auf die Wunder der Natur verfasst. Kyas Leben in der Marsch wird so eindringlich und gefühlvoll, in so schönen Bildern geschildert, dass man als Leser ganz tief davon berührt wird, voll und ganz mitgerissen auch von den Schilderungen der Pflanzen und Tiere im Sumpfgebiet, die Kya so viel offener und freundlicher begegnen als die Menschen.

Herbstblätter fallen nicht, sie fliegen. Sie nehmen sich Zeit und genießen ihre einzige Chance, frei zu sein. Sie blitzten im Sonnenlicht, wirbelten und segelten und flatterten auf den Schwingen des Windes.

Der Gesang der Flusskrebse ist eines der wenigen Bücher, bei denen eine wunderschöne Geschichte auf eine ebenso schöne und einfühlsame Sprache trifft. Hier passt so ziemlich alles. Eine Hymne an die Natur und ein großartiger, lesenswerter Roman!

Über die Autorin: Delia Owens (* 1949 in Georgia, USA) erforschte als Zoologin zwanzig Jahre lang die Tierwelt Afrikas und lebt heute auf einer Ranch in North Carolina. Der Gesang der Flusskrebse ist ihr erster Roman, eine Verfilmung mit Reese Witherspoon ist derzeit in Planung. Das Buch hielt sich 21 Wochen in Folge auf Platz 1 der NYT-Bestsellerliste und wurde bereits in 35 Länder lizensiert. Völlig zu Recht!

Über die Übersetzer: Ulrike Wasel und Klaus Timmermann (beide * 1955) arbeiten seit 1991 als renommiertes und erfolgreiches Übersetzerduo. Sie übertragen u. a. Dave Eggers, Zadie Smith und Jodi Picoult ins Deutsche. 2012 erhielten sie für ihre Übersetzung von Daves Eggers Roman Zeitoun den internationalen Albatros-Literaturpreis der Günther-Grass-Stiftung Bremen. Bei Der Gesang der Flusskrebse haben sie beeindruckende Arbeit geleistet.

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