Amy Bloom: Meine Zeit mit Eleanor

Ein Buch über die First Lady Eleanor Roosevelt und ihre große Liebe Lorena Hickok: meist gleichermaßen berührend und unterhaltsam, aber auch ein bisschen verwirrend …

Zugegeben, meine Verwirrung mag auf mein mangelndes Vorwissen in Bezug auf die beiden Protagonistinnen zurückgehen. Anfangs war ich mir nicht sicher, was von diesem Buch denn nun wahr ist und was Erfindung. Denn eigenen Angaben zufolge hat Amy Bloom mit ihrem neuesten Roman ein Zwischending zwischen Wirklichkeit und Fantasie geschrieben. Historisch verbrieft ist, dass die amerikanische First Lady Eleanor Roosevelt und die erfolgreiche Journalistin Lorena Hickok eng befreundet waren – so eng, dass Hickok ihren Posten bei der Associated Press aufgab, weil sie nicht mehr objektiv über Eleanor Roosevelt und das Weiße Haus berichten könne.

Ob die zwei aber nun wirklich eine Liebesbeziehung hatten, ist nicht sicher. Dass Hickok lesbisch war und diverse Beziehungen zu anderen Frauen führte – wir reden hier über die Dreißiger- und Vierzigerjahre des 20. Jahrhunderts! –, ist indes gemeinhin bekannt. In Rücksicht auf Eleanors Amt jedoch haben sie ihre wahre Beziehung nie öffentlich gemacht, so die Aussage des Romans. Hickok verbrannte weit über 200 persönliche Briefe, bevor sie ihr Briefarchiv der Roosevelt Library vermachte – das könnte ein Indiz sein, vielleicht aber auch nicht. Manche Historiker halten die Liebesbeziehung, auch körperlicher Art, zwischen den Frauen für offensichtlich, andere streiten sie ab. Tja … zurück zum Buch!

Amy Bloom bemüht sich darum, den beiden starken Charakteren so nahe wie möglich zu kommen, und die könnten kaum unterschiedlicher sein: Eleanor Roosevelt, die selbstbewusste, engagierte First Lady, die voller Privilegien und Reichtum, wenn auch unter tragischen persönlichen Bedingungen, aufwuchs und sich später voller Herzblut den Frauen- und Menschenrechten widmete. Während des Zweiten Weltkriegs zeigte sie Solidarität mit all den Flüchtlingen und zwang auch dem Weißen Haus eine strenge Diät sowie sich selbst größte Disziplin auf. Lorena Hickok dagegen musste nicht erst zu materieller Zurückhaltung gezwungen werden, stammte sie doch aus ärmlichsten Verhältnissen. Die Mutter starb, als Lorena 13 Jahre alt war, der Vater wurde öfter körperlich zudringlich und zwang sie schon als junges Mädchen arbeiten statt zur Schule zu gehen. Später verkaufte er sie regelrecht. Lorena gelang die Flucht zu einer Cousine ihrer Mutter. Von da begann ihr beschwerlicher, aber steiler Aufstieg als gefeierte Journalistin, der sie bis in höchste Politikerkreise führte, wo sie schließlich Eleanor Roosevelt kennenlernte.

Die Freundschaft intensivierte sich schnell und hatte für beide auch berufliche Vorteile: Während Hickok Roosevelt zu verschiedenen politischen Kampagnen inspirierte und motivierte, half Roosevelt Hickok, nachdem diese ihre journalistische Karriere für Roosevelt aufgab, als leitende Ermittlerin in der Federal Emergency Relief Administration des Präsidenten aufzusteigen.

So viel zu den Fakten, die in diesem Buch nur am Rande eine Rolle spielen (nicht zuletzt weil die Handlung zwischen den Jahrzehnten hin- und herspringt, was meinem Verständnis nicht gerade förderlich war). Aber wie gesagt, viel wichtiger ist hier das persönliche Verhältnis der zwei Frauen zwischen Versteck- und politischen Ränkespielen. Immer wieder durch Reisen und berufliche Pflichten voneinander getrennt, manchmal auch aus emotionalen Gründen, schaffen sie es nicht immer, eine stabile Verbindung aufrechtzuerhalten. Eifersucht spielt genauso eine Rolle wie Missverständnisse, hier und da Verbitterung und zu viel Rücksicht. „Solange sie lebte, war Lorena viel mehr darauf bedacht, Eleanors Ruf zu schützen, als Eleanor selbst es war“, so die Autorin Amy Bloom. Und unabhängig davon, was denn nun wahr ist und was nicht, schreibt Bloom hier über eine mal zarte, mal starke Liebe, geprägt von Hingabe und Leidenschaft, von Zuneigung, Witz und Humor, von der Bereitschaft zu Verzicht, Selbstaufgabe und auch mal Kritik. Dabei ist die Erzählstimme die von Lorena, einer intelligenten, selbstkritischen, starken Frau, die nichts, aber auch gar nichts durch die rosarote Brille sieht, sondern mit viel Humor und einer scharfen Zunge die Vorgänge im Weißen Haus – nicht zuletzt die vielen Affären des Präsidenten und seine unerträglich holzköpfigen Cousinen – und die auch mal anstrenge Frau ihres Herzens kommentiert. Meine Zeit mit Eleanor ist, und bleibt, ein Roman über eine Seelenverwandtschaft zwischen zwei so unterschiedlichen Frauen, über mehrere Jahrzehnte hinweg.

Ich schließe mit einem Zitat, das besser als tausend Worte die durchaus vorhandenen Schönheiten dieses Romans ausdrückt:

Unser müdes weißes Fleisch trifft aufeinander, und was vielleicht nicht schön aussieht, fühlt sich umso schöner an.

Über die Autorin: Amy Bloom (* 1953) studierte Theater und Politische Wissenschaften sowie Sozialarbeit und arbeitete als Psychotherapeutin. Sie schreibt Romane und Geschichten, u. a. für The New Yorker und die Vogue, und wurde u. a. für den National Book Award nominiert. Ihr Debütroman Wir Glücklichen erschien 2015 auf Deutsch.

Über die Übersetzerin: Kathrin Razum (* 1964 in Frankfurt am Main) studierte Anglistik und Geschichte und arbeitet seit den 1990er Jahren als freie Lektorin und Übersetzerin. Sie überträgt u. a. Edna O’Brien, Susan Sontag und T. C. Boyle ins Deutsche.

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