Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen

Komisch und tragisch zugleich: Die Geschichte eines jungen Mädchens mit großen Träumen und allzu menschlichen Schwächen.

Im Jahr 1931: Doris ist ein 18-jähriges Mädchen, das sich nichts sehnlicher wünscht, als die einfachen Verhältnisse ihres Elternhauses zu verlassen und groß herauszukommen. Sie arbeitet lustlos als Stenotypistin für einen ältlichen Anwalt, der ihr schöne Augen macht, muss den Großteil ihres Gehalts bei ihrem saufenden Vater abliefern, trifft sich mit reichen Männern, um auf der gesellschaftlichen Leiter nach oben klettern zu können. Doch in Doris‘ Leben bedeutet ein Schritt voran immer auch zwei Schritte zurück. Als sie mithilfe ihrer Mutter, die als Garderobiere im Theater arbeitet, einen Stelle als Statistin bekommt, erfindet sie eine Affäre mit dem Direktor. Kurz vorm Auffliegen, stiehlt sie einen Pelzmantel aus der Garderobe und flieht ohne Papiere nach Berlin, weil sie die Polizei fürchtet. Dort beginnt der Abstieg erst richtig …

Doris ist ein cleveres und kluges Mädchen, das in Form eines Tagesbuches von ihren Alltagsabenteuern berichtet. Meist weiß sie nicht, wo sie schlafen und wovon sie etwas zu essen kaufen soll. Sie bezirzt Männer für ein warmes Mittagessen, manchmal schläft sie auch mit ihnen, aber eine Prostituierte ist sie nicht, auch wenn sie ab und zu darüber nachdenkt, eine zu werden. Mit gutem Aussehen, Charme und Frechheit schlägt sie sich durch, gewinnt das ein oder andere Herz, nur um es sofort danach wieder zu entsorgen.

Irmgard Keun schreibt in ihrem 1933 erschienenen Roman rücksichtslos schnodderig, auch Grammatik wird hier nicht gerade groß geschrieben – ganz abgesehen davon, dass die Zeichensetzung ein einziges Abenteuer ist. Dieses Buch könnte hoffnungslos tragisch sein, aber Doris ist eine Figur, die jeder Situation mit dem Mut der Verzweiflung etwas Heiteres abgewinnen kann, mit viel trockenem Humor und der Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, zu staunen und sich nicht so wichtig zu nehmen, aber immerhin wichtig genug, um ihren Träumen zu folgen.

… nur wenn man unglücklich ist, kommt man weiter, darum bin ich froh, daß ich unglücklich bin.

Dies scheitert allzu oft an der Abhängigkeit, in die Frauen damals gezwungen wurden. Arbeitende Frauen waren verpönt, dennoch wurde in vielen Familien ihr Gehalt benötigt. Mit Gesellschaftskritik hält Irmgard Keun nicht hinter dem Berg: Prostituierte, die von ihren Zuhältern grün und blau geschlagen werden, Männer, die trinken und rumhuren, Männer, die nur Jungfrauen heiraten, vor der Ehe aber viel Spaß mit leichten Mädchen haben wollen, die sie dann verachten:

Männer dürfen und Frauen dürfen nicht. Nun frage ich mich nur, wie Männer ihr Dürfen ausüben können ohne Frauen? Idioten.

Neben der Doppelmoral werden aber auch gesellschaftliche Zustände kritisiert: kaum Arbeit, von der man leben kann, schon damals eine Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich, Oben und Unten.

„Das kunstseidene Mädchen“ erzählt von großen Träumen, die in einer streng moralisierten Gesellschaft kaum wahr werden können, und von einem Mädchen, das trotzdem alles tut, um seinen Traum wahr werden zu lassen, aber einen viel zu hohen Preis dafür bezahlt.

Über die Autorin: Irmgard Keun (* 6.2.1905 in Charlottenburg, † 5.5.1982 in Köln) wurde in gute Verhältnisse geboren, lernte Stenotypistin und verfolgte eine Schauspielkarriere, die sie jedoch bald aufgab, worauf erste Erfolge als Schriftstellerin (mit Gilgi, eine von uns und Das kunstseidene Mädchen) folgten. Schon 1933 wurden ihre Bücher verboten und verbrannt, ein Antrag auf Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer wurde 1936 abgelehnt, weshalb sich Irmgard Keun genötigt sah, ins Exil zu gehen und ihre Bücher in niederländischen Exil-Verlagen zu veröffentlichen, allerdings ohne finanziellen Erfolg. Sie pflegte enge Kontakte mit anderen Exil-Schriftstellern wie Heinrich Mann, Stefan Zweig und Joseph Roth, mit dem sie eine Beziehung einging. 1940 kehrte sie unter falschem Namen nach Deutschland zurück und lebte unentdeckt (auch weil eine Falschmeldung über ihren Selbstmord verbreitet worden war) bis zum Kriegsende dort. Nach dem Krieg gelang es ihr nicht mehr, an frühere Erfolge anzuknüpfen, weshalb sie teilweise unter erbärmlichsten Bedingungen lebte und nach und nach dem Alkohol verfiel, schließlich sogar in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde. Nach ihrer Entlassung lebte sie zurückgezogen in Köln bis zu ihrem Tod 1982. Erst Ende der 70er Jahre wurde Keuns Werk wiederentdeckt. Sie gilt heute als Vertreterin der Neuen Sachlichkeit.

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