Yishai Sarid: Monster

Gerade mal 175 Seiten umfasst dieses Büchlein, aber der Inhalt ist gewichtig und nicht immer leicht zu verdauen, so bescheiden er auch daherkommt.

Der Roman Monster umfasst in seiner ganzen Länge den Brief eines Mitarbeiters von Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, an dessen Leiter, den er bewundert und respektiert. Er beginnt mit dem Studium der Historie in Israel, der schwierigen Wahl eines Vertiefungsfachs, der notgedrungenen Entscheidung für den Holocaust, wenn er in Israel als Historiker angestellt werden will. Mit einer Doktorarbeit über die Massenvernichtung der Juden durch die Nazis und vergleichenden Analysen der Methoden in den einzelnen Lagern in Polen qualifiziert er sich schnell als Besucherführer in diesen Lagern, schließlich muss er Geld verdienen, um seine Frau und sein Kind zu versorgen. Anfangs hat er Freude daran, sein Wissen an israelische Schülergruppen weiterzugeben, doch nach und nach verliert er die Haftung, ist immer öfter verstört vom Verhalten der Kinder und fasziniert von den Tätern.

Flüstern die Kinder hinter vorgehaltener Hand: „Genau so sollten wir es mit den Arabern machen“, schockiert es ihn nicht, nein, er stimmt ihnen zu, so fassungslos einige Lehrer auch tun mögen. Gewinnt nicht immer der Stärkere – hat das die Geschichte nicht bewiesen? Muss man nicht Opfer bringen, um als Sieger hervorzugehen? Begreifen diese Kinder nicht das Entscheidende? Er testet die Kinder immer öfter, zeigt ihnen Fotos der Nazis in schicken Gala-Uniformen. Was halten sie von ihnen? Sehen sie aus wie Monster, wie Mörder? Nein, sie sehen aus wie Sieger – und Sieger wollen beim nächsten Krieg auch diese Kinder sein. Von den Nazis lernt man nicht, wie man nicht sein sollte, sondern wie man es anstellen muss, um zu überleben. Darum gilt der Groll auch nicht den Deutschen, eher noch den Polen, auf dessen Grund und Boden die Vernichtungslager standen, die haben sich ausnutzen lassen, die Deutschen dagegen waren klug und stark. Je häufiger er diese Meinung zum Ausdruck bringt, desto verstörter sind seine Arbeitgeber. Bald führt das zu negativen Bewertungen, zu Auftragsschwund. Aber erst als er an einer Ausgrabung in einem der Lager teilnehmen darf, wird offensichtlich, dass er dem Sog der Vergangenheit kaum noch standhalten kann. Immer öfter taucht der Gedanke in seinem Kopf auf: Was, wenn ich früher gelebt hätte … Er trägt Kleidung wie die Männer vor knapp 75 Jahren, verwahrlost immer mehr. Und als ein deutscher Regisseur seine Beratung für einen neuen Film wünscht, eskaliert die Lage …

Monster hat ein schwer erträgliches Kapitel unserer Geschichte zum Thema, ein Kapitel, bei dem man als Autor viel falsch machen kann. Sarid jedoch schreibt sachlich, kein bisschen emotional – der Inhalt ist auch emotional genug ­– und sehr realistisch über einen Mann, der die Erinnerung bewahren helfen will und dabei von ihr verschlungen wird – als Sinnbild für die Erinnerungskultur Israels und dessen Umgang mit dem Holocaust.

Über den Autor: Yishai Sarid (* 1965 in Tel Aviv) war Nachrichtenoffizier in der israelischen Armee, studierte Jura und ist heute als Rechtsanwalt tätig. Nebenbei schreibt er Romane. Monster ist sein dritter Roman. Für seinen Politthriller Limassol erhielt er den französischen Grand prix de littérature policière.

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