Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

Packend, witzig und scharfsinnig: ein großartiger Roman über eine Frau zwischen Selbstverleugnung und Selbstbehauptung!

Nach so vielen Adjektiven nun aber mal ganze Sätze: Karen Duve widmet ihren neuen Roman Annette von Droste-Hülshoff, der unglücklichen, unglückseligen Autorin des 19. Jahrhunderts, die heute vor allem für die Novelle Die Judenbuche und ihre Gedichte bekannt ist. Man darf Karen Duves Roman aber nicht mit einer Biografie verwechseln, zum einen weist der Titel schon darauf hin, dass es hier nur um einen kurzen Zeitabschnitt im Leben der Schriftstellerin und Komponistin geht (1817–1821), zum anderen liegt der Fokus auf Annette, aber es gibt auch ganze Kapitel zu anderen Persönlichkeiten ihrer Zeit: Familie Grimm, Heinrich Heine, Brentano, von Arnim etc., die Annettes Leben beeinflussten, und dann natürlich noch andere, die dem Großteil der Nachwelt unbekannt sind, aber eine ebenso große Rolle in Annettes Leben spielten. Außerdem nimmt die Erzählerin eine eindeutige Position zum Geschehen ein: Ich wage zu behaupten, es ist ein feministischer.

Jenny, die sich ihres Daseinszwecks, in jeder Gesellschaft ein geduldiger, heiterer und ausgleichender Kontrapunkt zu sein, stets bewusst war, versuchte den aufkommenden Streit zu verhindern.

Wie im Biedermeier leider üblich, wurde Frauen das Recht zu denken weitgehend abgesprochen, sie sollten einfach nur von „anmutiger Einfachheit“ sein. Annettes Familie bildete da keine Ausnahme. Im Kreise einer enorm großen Familie – allein ihre Mutter hatte 14 Halbgeschwister, von denen einige in Annettes Alter waren – wurde wenig Verständnis für die kluge junge Frau gezeigt, die so gern ihren Intellekt unter Beweis stellen wollte, dazu aber nie so recht Gelegenheit bekam. Ihr Onkel Werner, der in Göttingen studierte und Kontakt zu zahlreichen Dichtern und Denkern seiner Zeit hatte (unter anderem Goethe, aber vor allem mit den Romantikern) sowie die Brüder Grimm zu seinen Freunden zählte, hielt Annette mit Schikanen und ständigem Spott klein. Aus der Sicht der damaligen Gesellschaft muss Annette ein furchtbar aufsässiger Geist gewesen sein: vorlaut, neugierig, „unweiblich“ – wie das Frauenbild aussieht, zeigt das Zitat oben ja sehr deutlich. Während sich ihre Schwester Jenny und ihre Tanten trotz vielversprechender Talente allesamt in ihr Schicksal als schmückendes Beiwerk fügten, gelang Annette das eher schlecht. Ihr Verhalten war zwiespältig: Es stieß die Herren zugleich ab und zog an, machte sie als Ehefrau aber gänzlich ungeeignet (wobei Annettes schlechte Gesundheit erschwerend hinzukam). So erlebte ich als Leserin eine zutiefst verzweifelte Frau, die einen so viel größeren Geist besaß als viele ihrer männlichen Zeitgenossen, ihn aber nie benutzen durfte. Den einzigen Mann, der ihr literarisches Können erkannte und schätzte, durfte sie nicht lieben, da er nur ein verarmter Bürgerlicher war. Er taugte zum bewunderten Freund des Onkels, aber auf keinen Fall zu mehr. Ein weiterer Hemmschuh waren die Fesseln kirchlicher Moral. Traute Annette sich einmal, sich in eine Männergesprächsrunde einzumischen und etwas Kluges beizutragen, geißelte sie sich anschließend selbst für ihr unangemessenes Verhalten – zusätzlich zu den zahllosen Tadeln ihrer Verwandtschaft.

Ich gebe zu, die Unterdrückung der Frau ist ein Thema, das mich interessiert und schlichtweg etwas angeht, aber ich glaube, Duve hätte über so ziemlich alles schreiben und es spannend verpacken können. Sie schildert Charaktere so lebendig und eindrücklich, dass man das Gefühl hat, sie zu kennen, sie macht aus historischen Namen dreidimensionale Menschen, und zwar so subtil und feinfühlig wie kein anderer (den ich gelesen habe). Sie zieht uns mitten hinein in die gesellschaftlichen Schrecken, Wirren und Hoffnungen des 19. Jahrhunderts.

Dazu kommen ihr bestechender trockener Humor und ihre scharfsinnigen Beobachtungen – oft in Kombination.

Beim Aufschlagen der Bücher stieg Staub auf und der erhebende  Geruch von überholten Ansichten, jahrhundertealten Popeln und längst ausgestorbener Krankheiten.

Untrennbar mit dem Biedermeier verbunden sind natürlich auch die Burschenschaften an den Universitäten, zunehmend mehr Fluch als Segen, die ihren Antisemitismus und Fremdenhass öffentlich ausleben. Duves Betrachtungen darüber passen 1:1 in unsere Zeit, als wären seitdem nicht 200 Jahre mitsamt Nazi-Terror und Holocaust vergangen.

Sie [Die Burschenschaften] greinen von ihrer Liebe zu Deutschland, aber eigentlich geht es ihnen bloß darum, alles Fremde hassen zu dürfen. Und wenn sie dir mit christlich-abendländischer Kultur kommen, dann pochen sie damit bloß auf ihr Recht, jeden Quatsch glauben zu dürfen. Ihre Dummheiten sind des blödsinnigsten Mittelalters würdig.

Karen Duve bei der Verleihung des Carl-Amery-Literaturpreises 2019 in München

Diese Worte legt Duve Heinrich Heine in den Mund, selbst Jude und bekennender Überwinder der Romantik, der einen strengen Blick auf Deutschland und seine Geistesgrößen hatte – wie auch Duve.

Mit knapp 600 Seiten ist Fräulein Nettes kurzer Sommer kein Leichtgewicht, auch inhaltlich nicht, aber dabei doch so leichtfüßig und unterhaltsam, wie ein Roman von solchem Kaliber nur sein kann. Mit profundem literaturgeschichtlichen Wissen, einzigartigem Humor, viel Klugheit und keiner Scheu vor einer Frau, die sich allen Kategorien entzieht, hat sie einen mitreißenden, mehr als lesenswerten Roman geschrieben. Jüngst wurde sie in München mit dem Carl-Amery-Literaturpreis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet und auch im Zuge dessen als Autorin gewürdigt, die keine Scheu vor schwierigen Figuren an den Tag legt und wunderbar mit satirischen Mitteln umzugehen weiß.

Über die Autorin: Karen Duve (* 1961 in Hamburg) arbeitete jahrzehntelang in Aushilfsjob und als Taxifahrerin in Hamburg, bevor sie als Autorin durchstartete. 2008 veröffentlichte sie den Roman Taxi, der 2015 fürs Kino verfilmt wurde. Auch mit Büchern wie Regenroman und Macht sorgte sie für Furore. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Bettina-von-Arnom-Preis und den Friedrich-Hebbel-Preis.

 

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