Takis Würger: Stella

Vermutlich ist diese Rezension nicht die erste, die ihr zu diesem Buch lest. Und ich muss zugeben, viel spannender als das Buch ist die Diskussion darum herum, auf die ich später auch eingehen möchte. Aber der Reihe nach: Worum geht es?

Im Mittelpunkt steht die historische Figur Stella Goldschlag, geboren 1922 als Kind jüdischer Eltern in Berlin. Zusammen mit ihren Eltern wurde sie 1943 inhaftiert und von der Gestapo erpresst: Wenn sie ihnen nicht als Greiferin zuarbeitete, würden ihre Eltern nach Auschwitz deportiert. Stella stimmte zu und verriet oder nahm selbst vermutlich mehrere hundert Juden in und um Berlin fest. Was die Gemüter an Stella Goldschlag besonders bewegt, ist die Tatsache, dass sie auch nach der Deportation der Eltern, die trotz ihres Engagements ermordet wurden, weiter als Greiferin arbeitete. Für diese Verbrechen wurde sie 1946 vom Sowjetischen Militärtribunal zu zehn Jahren Haft verurteilt (Auszüge dieser Gerichtsakten hat Würger in seinem Text untergebracht). 1957 wurde sie wegen derselben Verbrechen in Deutschland erneut vor Gericht gestellt und verurteilt, musste aber aufgrund der bereits abgegessenen Strafe nicht noch einmal ins Gefängnis. Ausführlicher nachzulesen ist ihr Schicksal in dem Buch Stella von Peter Wyden, gerade im Steidl Verlag neu aufgelegt.

In Takis Würgers Roman geht es aber weniger um die faktische Nacherzählung von Stella Goldschlags Leben, sondern um einen fiktiven Blick auf die Figur und ihre Verbrechen aus der Perspektive eines Schweizer Knaben, der in Faszination und Ekel gleichermaßen nach Berlin kommt, ursprünglich um die Gerüchte über die Verbrechen an den Juden zu verifizieren, ebenso aber in der Hoffnung, dass etwas von der sogenannten Stärke der Deutschen auf ihn überspringen möge. Kaum ein paar Tage in Berlin, begegnet er Kristin (mit echtem Namen natürlich Stella) und verfällt ihr mit Haut und Haar. Sie ist witzig, verrückt, in jeder Hinsicht widersprüchlich, genießt das Leben, stachelt ihn zu kleinen Dummheiten auf, verwöhnt ihn mit ihrer Aufmerksamkeit und verwirrt ihn mit ihrer Kälte. Selbst als er erfährt, dass sie andere Juden verrät und damit zum Tode verurteilt, hält er zu ihr. Diese ihre Stärke, von der er angezogen wird wie die Motte vom Licht, kombiniert mit der bedürftigen Schwäche, die sie ausstrahlt und die sie ihn brauchen lässt, betört ihn.

Was haben wir hier also für ein Buch? Eine Liebesgeschichte, frei erfunden, basierend aber auf einer der zwiespältigsten Figuren der Nazi-Zeit, und diese auch nur halb wahr wiedergegeben. In den Augen der meisten Kritiker ist genau das Problem – auch in den Augen der Erben, übrigens, die den Vertrieb des Buches stoppen wollen und Würger sogar verklagt haben. Viele halten dem Autor vor, die Geschichte zu vereinfachen, zu bagatellisieren (auch vor dem Hintergrund besserer Verkaufszahlen), andere kritisieren, dass er für eine simple Liebesgeschichte eine so bewegende historische Figur instrumentalisiert; wieder andere stoßen sich an seinem „filmischen Stil“, an der Tatsache, dass er Stella so im Nebel schweben lässt und keine moralischen Antworten liefert. (Dazu kommen etliche weitere, zum Teil aberwitzige Vorwürfe, wie ich bei der Lesung in München selbst miterleben musste.) Mit all dem konfrontiert, erlebte ich den Autor teils verunsichert, teils geradezu verzweifelt um Fassung ringen. Wie er selbst sagte, war er auf einen Aufschrei eingestellt, aber nicht mit solchen Ausmaßen. Das fällt schwer zu glauben.

Nun muss ich zugeben, das Buch haut mich nicht gerade um, gegen den viel kritisierten filmischen Stil habe ich nichts, auf mich wirkte er allerdings eher belanglos, gewürzt mit ein paar Binsenweisheiten. Der Erzähler ging mir in seiner Naivität auf den Keks. Und Stella kommt verwöhnt bis kaltschnäuzig rüber, auch keine Figur zum Gernhaben. Interessant ist aber, dass Würger, eben indem er keine Antworten liefert, den Leser in die Verantwortung bringt, nachzudenken und selbst Antworten zu finden. Gerrit Bartels, Literaturkritiker beim Tagesspiegel, der die Münchner Lesung moderierte, fügte an, dass nur Fragen nicht ausreichen für einen Roman, ein Schriftsteller muss auch Antworten geben (der Kodex für Schriftsteller – wo finde ich den eigentlich? Im Feuilleton?). Aber wie, frage ich mich. Wie kann jemand aus der heutigen Zeit Antworten auf eine so übermenschlich große moralische Frage geben? Selbst Stella Goldschlag hat nie erklärt, warum sie nach dem Tod ihrer Eltern weiterhin als Greiferin arbeitete. Wenn sie es nicht sagen kann – wie könnten wir es?

Ich finde Fragen aufzuwerfen  kein bisschen verwerflich, problematisch aber ist, dass Würger nicht einmal versucht, sich Stella Goldschlag anzunähern. Ich mag mir nicht vorstellen, welche Schelte er erlebt hätte, wenn er sich tatsächlich zu ihren Verbrechen positioniert hätte – in welche Richtung auch immer. Aber ich kann diese eine Szene nicht vergessen, in meinen Augen die pointierteste des ganzen Buches: Friederich schaut Stella hinterher, kurz nachdem sie sich kennengelernt haben. Sie glaubt sich unbeobachtet, und er beschreibt, wie sie erstarrt, die Augen schließt, geradezu in sich zusammenfällt, und als sie die Augen wieder öffnet und sich aufrichtet, scheint sie eine andere Person zu sein und schreitet mit plötzlich scharfen, geraden Schritten selbstbewusst von dannen, wo sie eben noch torkelte und kicherte. Genau diese Richtung hätte Würger für mich einschlagen müssen, um aus diesem belanglosen Roman nicht nur eine gute Diskussionsgrundlage zu machen, sondern einen gelungenen Blick auf eine zwiespältige historische Figur zu werfen. Dazu hätte sicher eine gehörige Portion Mut gehört.

Vor diesem Hintergrund bleibt die Frage: Warum gerade Stella Goldschlag als Protagonistin? Wie Würger während der Lesung preisgab, stieß er durch Zufall auf sie, begann zu recherchieren und war so fasziniert, dass er sie zum Gegenstand seines Buches machte. Außerdem betonte er, mit Historikern zusammengearbeitet zu haben, um das Milieu so historisch korrekt wie möglich wiederzugeben. Nur warum verzichtet er dann ausgerechnet bei seiner Hauptfigur, nach der der Roman nicht nur benannt ist, sondern deren Foto auch noch das Cover ziert, auf so ziemlich jede belegbare Faktizität, ändert der Dramaturgie zuliebe ihre Vita, verlegt die Ereignisse vor, lässt manches weg, fügt anderes hinzu? So überzogen ich manche Kritik auch finde, das ist eine Frage, die sich der Autor gefallen lassen muss, auch wenn er selbst keine andere Antwort darauf findet als: Es ist nur ein Roman. In dem Moment, in dem man sich für eine solche Figur entscheidet, ist es eben doch mehr als ein Roman. Einem so erfahrenen Journalisten hätte das klar sein müssen.

Zum Autor: Takis Würger (* 1985 in Hohenhameln) besuchte die Journalistenschule Henri-Nannen und arbeitet als Gesellschaftsredakteur bei Der Spiegel, für den er u. a. aus Afghanistan, Libyen und der Ukraine berichtet. Neben verschiedenen Auszeichnungen als Journalist, etwa den Deutschen Reporterpreis, den CNN Journalist Award und den European Journalism Prize Writing for CEE, sorgte er 2017 mit seinem Romandebüt Der Club für Furore, für das er den Debütantenpreis der lit.Cologne und weitere Auszeichnungen erhielt.

 

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