Margit Schreiner: Kein Platz mehr

Falls ihr nach Weihnachten auch vor Müllbergen steht und keine Ahnung habt, wohin damit, sei euch dieses schmale, kleine Büchlein herzlich empfohlen. Ganz im Sinne des Inhalts nimmt es auch fast gar keinen Platz weg oder kann weiterverschenkt werden.

Eine richtige Handlung gibt es hier eigentlich nicht, vielmehr als ein Roman ist dieses Buch eine Sammlung von Beobachtungen und Gedanken zum Thema Platz. Die Sammelwut der Menschen – von Möbeln über Bücher, Schmuck, Kleidung, Nippes bis hin zu Medikamenten und Krankheiten – nimmt kein Ende mehr, es wird eng in den Wohnungen. Alle bekommen Kinder und Kindeskinder, es wird eng in den Städten, in den Schwimmbädern, auf Spielplätzen, kurz: auf der ganzen Welt. Die einzigen Fleckchen, die noch idyllisch ruhig scheinen, sind entweder lebensgefährlich (Amazonasgebiet, Antarktis) oder alles ist Lug und Trug, denn beim Besteigen des Mount Everests zum Beispiel ist man mitnichten allein, da sammeln sich die Bergwütigen in Basiscamps, warten auf gutes Wetter und treten sich gegenseitig auf die Füße. Das Ende vom Lied: Mehr Platz führt nur zu mehr Platzmangel.

Auch für Hobbys ist kein Platz im Leben mehr, da der allgemeine Leistungsdruck dazu führt, dass aus einem Hobby gleich eine Leistung werden muss. Was, du joggst? Warum dann nicht mal ein Marathon? Und wenn du den geschafft hast, warum dann nicht den Iron Man? Und so geht es in einem fort. Wer gern Bäume umarmt, kann sich doch auch gleich als EnergetikerIn selbstständig und ein Geschäftsmodell daraus machen.

Ihr merkt es schon, Margit Schreiner lässt keinen Stein auf dem anderen und auch die Kirche nicht im Dorf. Natürlich ist die Übertreibung hier das Haupt-Stilmittel, aber auf höchst unterhaltsame Art. Als Freundin von Überspitzung hatte ich mit diesem Buch sehr viel Spaß, zumal es faszinierend ist, wie die Erzählerin mühelos von einem Thema zum anderen spaziert, ohne dass man es richtig merkt. Ist sie im einen Moment noch bei Wanderern, beschäftigen wir uns im nächsten schon mit dem Sexualverhalten der Japaner, das aufgrund des Platzmangels mehr als beklagenswert ist und gefährliche Blüten treibt.

Kurzum: Mit gerade mal 176 Seiten ein schmales Bändchen, das Spaß macht und mit der ein oder anderen Übertreibung durchaus zum Nachdenken anregt.

Über die Autorin: Margit Schreiner (* 1953 in Linz, Österreich) studierte Germanistik und Psychologie in Salzburg und Tokio, brach das Studium aber ab, um als Autorin tätig zu werden. Sie lebte in Berlin, Paris und Italien, kehrte dann aber nach Salzburg zurück, wo sie seit 1983 als freie Schriftstellerin lebt. Für ihre Veröffentlichungen erhielt sie bereits zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Ben-Witter-Preis sowie den Kulturpreis des Landes Oberösterreich.

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