Charlie English: Die Bücherschmuggler von Timbuktu

Spannend wie ein Abenteuerroman, aber grausige Realität sind die Schilderungen des Journalisten Charlie English, die er in seiner mehrere Hundert Seiten umfassenden Reportage „Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ vorlegt.

Viele Jahrhunderte lang war Timbuktu nur ein Mythos von Reichtum und Glanz in der Weite der Sahara – unerreichbar für europäische Forscher und daher umso sagenumwobener. Etliche Abenteurer versuchten sich an der Entdeckung der malischen Oasenstadt und scheiterten an Krankheiten, Seuchen, Durst, Räubern und religiösen Fanatikern: Simon Lucas, John Ledyard, Daniel Houghton, Mungo Park, René Caillié, Alexander Gordon Laing usw. Einige erreichten ihr Ziel aber auch, etwa der deutsche Reisende Heinrich Barth, der die ersten Beweise nach Europa brachte, dass es in Afrika entgegen aller Erwartungen eine Schriftkultur gibt. Er brachte Abschriften jahrhundertealter arabischer Manuskripte nach England, die dann – ignoriert wurden. Stattdessen stützte man die schamlose Ausbeutung und Versklavung eines ganzen Kontinents auf die fehlende Schriftkultur, Geschichtsbewahrung und damit erwiesenermaßen fehlende Kultur der dort lebenden Völker, und nur wenige Jahrzehnte, nachdem der erste Europäer seinen (in Barths Fall wohlwollenden, wissbegierigen) Fuß in die Stadt Timbuktu gesetzt hatte, wurde Afrika in Kolonien aufgeteilt und die Menschen zu Tausenden ermordet und verschleppt.

Doch jene handschriftlichen Manuskripte gibt es noch heute, was allein dem Mut und Engagement der Bürger Timbuktus zu verdanken ist. Als 2012 Dschihadisten den Norden Malis eroberten und für unabhängig von der gestürzten Regierung erklärten, waren sämtliche Kulturgüter Timbuktus und anderer dortiger Städte in Gefahr. Doch für besagte Schriften war die Lage besonders brenzlig, enthielten sie doch weltliche, wissenschaftliche Abhandlungen und Beschreibungen jahrhundertealter religiöser Riten, die nicht zu den strengen Vorstellungen der Islamisten passten, ebenso ging es den Mausoleen muslimischer Heiliger – einen Kult, den die Dschihadisten strikt ablehnten, was dazu führte, dass etliche dieser Kulturdenkmäler  zerstört wurden. Das gleiche Schicksal drohte den Manuskripten, die einige Jahre zuvor von den einzelnen Familien, denen die Manuskripte zu Hunderttausenden gehören, in einer zentralen Bibliothek zusammengeführt wurden (die genaue Anzahl der Schriften ist bis heute nicht bekannt). Gaben sich die fundamentalistischen Invasoren anfangs noch freundlich und verständnisvoll, schlug die Stimmung bald um, und den Bibliothekaren von Timbuktu wurde klar, dass sie den heimlichen Abtransport organisieren mussten, wenn die Schriften gerettet werden sollten: ein international unterstütztes Unterfangen, das Monate dauern und Millionen Dollar verschlingen sollte, aber am Ende von Erfolg gekrönt war.

Ergänzt um einen Bildteil, schildert Charlie English in zwei parallelen Erzählsträngen die fundiert recherchierte historische Suche nach Timbuktu und die Rettung der Manuskripte unter widrigsten und hochgefährlichen Umständen. Die Timbuktu besetzenden Islamisten führten die Scharia ein, änderten die Regeln des täglichen Lebens von heute auf morgen, Frauen waren plötzlich nicht mehr frei und selbstbestimmt, die Religion an sich war nicht mehr frei und selbstbestimmt, und der Finger der Besetzer war immer schnell am Abzug. Jeder Widerstand  wurde im Keim erstickt – und hätte jemand bemerkt, dass die in den Augen der Dschihadisten „heidnischen“ Texte fortgeschafft werden, wären Köpfe gerollt. Es ist mehr als beeindruckend, dass ein paar Männer unter Einsatz ihres eigenen Lebens einen wichtigen Teil der afrikanischen Kultur retteten.

Nicht allein aufgrund des Umfangs ist dieses Buch allerdings keine Lektüre für zwischendurch. Die vielen afrikanischen Namen sind für ungeübte Leser wie mich verwirrend, und der Autor liebt Details und exakte chronologische Abläufe, was für eine Reportage wie diese auch absolut notwendig ist, die Lektüre aber durchaus etwas zieht. Nichtsdestotrotz treibt die Spannung den Leser voran, und „Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ ist ein in jeder Hinsicht mehr als lesenswertes Buch über vergangene und aktuelle Gräuel und Helden.

Über den Autor: Charlie English arbeitete als Redakteur beim Guardian, zuletzt als Chefredakteur des Auslandressorts. Erstmals reiste er im Alter von neunzehn Jahren nach Afrika, seitdem ist er immer wieder dorthin zurückgekehrt. Er lebt mit seiner Familie in London. Auf Deutsch erschien von ihm bislang Das Buch vom Schnee (2009).

Über die Übersetzer: Heike Schlatterer (* 1970) studierte Geschichte und Amerikanistik. Sie übersetzt Sachbücher aus dem Englischen, u. a. von Paul Theroux und Jaron Lanier. Henning Dedekind (* 1968) studierte Rechtswissenschaften, Amerikanistik und Soziologie und übersetzt ebenfalls Sachbücher aus dem Englischen.

 

 

 

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