Volker Weidermann: Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft

Im Großen und Ganzen interessant, aber streckenweise leider recht zäh.

Das Hauptaugenmerk dieses Buches liegt auf Stefan Zweig und Joseph Roth. Beginnend mit dem ersten Weltkrieg, konzentriert sich Volker Weidermann auf den heraufziehenden Nationalsozialismus und den folgenden Zweiten Weltkrieg – eine Zeit, die es zahlreichen Autoren schwer machte, ihre Werke zu verkaufen und zu (über)leben, Juden darunter, selbstverständlich, aber auch andere, die einfach nichts ins Gusto der Nazis passten, etwa Irmgard Keun, die jahrzehntelang in Vergessenheit geriet und erst vor Kurzem als große Autorin wiederentdeckt wurde.

Während das Zentrum des Geschehens, wie der Titel schon sagt, das Jahr 1936 und der belgische Badeort Ostende sind, macht es gleichzeitig zahlreiche Abstecher davor und danach und zu anderen Orten und zahlreichen Autoren jener Zeit, um Hintergründe zu beleuchten. So wird das Buch nicht ganz Roman, nicht ganz Sachbuch, nicht Biografie. Vielleicht trifft es „Bericht“ ganz gut, aber so ganz sicher bin ich mir nicht, was das Buch eigentlich will, zumal es recht schmal ist und keine 200 Seiten zählt. Es streut Sympathien mal hier, mal da, wenn sich die illustre Autorentruppe mit Zweig, Roth, Keun, aber auch Egon Erwin Kisch, Hermann Kesten, Ernst Toller samt Ehefrauen und Reisegefährten zusammenfindet, das Tagesgeschehen kommentiert, Sorgen unter den Tisch trinkt und über abwesende Schriftsteller-Freunde wie die Manns lästert.

Um dem ganzen Hin und Her folgen zu können, braucht man fundiertes Grundlagenwissen, womit es mich ein bisschen an die Memoiren von Elisabeth Borchers erinnert, die aber immerhin unterhaltsam geschrieben sind. Spannend fand ich allerdings die Beziehung zwischen Stefan Zweig und Joseph Roth, die man getrost als Hassliebe bezeichnen kann. Während Roth immer wieder Zweigs finanzielle und literarische Zuwendung brauchte, verabscheute es diese Bedürftigkeit gleichzeitig. Schonungslos kritisierten sie gegenseitig ihre Werke, befruchteten und unterstützten sich. Auch das Verhältnis von Keun und Roth fand ich erhellend. So saßen sie in Ostende täglich in einem Lokal, um zu schreiben, aber an getrennten Tischen, sie am Fenster zum Strand hin, er im düsteren hinteren Teil, jeder ordentlich trinkend, und verglichen am Abend ihre Erfolge – Roth war immer produktiver.

Fazit: Kein Buch, das mich glücklich gemacht hat, aber immerhin ein bisschen Wissen vermittelt hat.

Über den Autor: Volker Weidermann (* 6.11.1969 in Darmstadt) studierte Politik sowie Germanistik in Heidelberg und Berlin und arbeitet als Literaturkritiker und -redakteur bei der tageszeitung, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und dem Spiegel (nacheinander). Neben seiner Autorenschaft wirkt er als Herausgeber etwa der Werke Armin T. Wegners.

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