Verena Rossbacher: Ich war Diener im Hause Hobbs

Ein sehr kurzweiliger, unterhaltsamer Roman – genau das Richtige für zwischendurch.

Verena Rossbacher ist eine Autorin, die ich ab sofort auf dem Schirm habe, wenn ich einfach mal auf intelligente Art unterhalten werden will. Sie hat ein Händchen für lebensnahe Figuren, für Situationen im Kleinen, die doch so viel über das Große verraten, und ich liebe einfach ihre Sprache und den ganzen Charakter des Buches!

Wir folgen Christian, der von Familie Hobbs, für die er als Butler arbeitet, aber Robert genannt wird, da der Hausherr ja schon Christian heißt, durch dessen Tätigkeiten im Haushalt der Familie. Klingt langweilig? Stimmt. Daher ist das natürlich nicht alles. Zum einen haben wir bei Familie Hobbs eine interessante Figurenkonstellation: Frau Hobbs, Herr Hobbs, dessen Bruder Gerome und die Kinder. Die beiden Hobbs’schen Männer sind eineiige Zwillinge, und manchmal ist Christian nicht klar, mit wem er es eigentlich gerade zu tun hat: mit dem schweigsamen, reservierten Hausherrn oder mit dem kauzigen Künstler Gerome, da zumindest Letzterer das Schauspiel auch sehr liebt. Und wenn dieser dann aus dem Schlafgemach der Hausherrin kommt, obwohl doch deren Mann auf einer Geschäftsreise ist … nun, man kann es sich denken. Und wieso darf eigentlich niemals jemand (um keinen Preis nicht!)  in dessen Garten-Pavillon und Atelier? Geheimnisse über Geheimnisse, die den Butler Christian natürlich nichts angehen, nimmt er seine Berufsehre doch sehr ernst – sehr ernst!

Zum anderen gibt es Christans Privatleben. Er lebt sporadisch mit seinem hochintelligenten Lebensgefährten John zusammen, der in den USA ein angesehener Schriftsteller ist und alles immer viel schneller durchblickt als Christian, aber stets darüber schweigt. Und in seinem Heimatort Feldkirch gibt es noch seine Schulkumpels: sein bester Freund Olli, der Mönch Isi und Gösch, der große Visionen hat, aber sie nicht umsetzen kann, stattdessen Hunderte Kilometer weit barfuß durch die Welt läuft. Eine Ikone war für die vier Jungen Ollis Vater Charly. Von ihm lernten sie, dass Drogen des Teufels sind und sie immer die Finger davon lassen müssen, wie man Kuchen backt, Gitarre spielt, Kostüme schneidert und auch darüber hinaus immer seinen Mann steht. Mit seinem Tod endete eine Ära, die noch immer nachwirkt …

Als sich die beiden Welten von Christian – Arbeit und Freunde – kreuzen, setzt das dramatische Ereignisse in Gang. Bis es aber dazu kommt, lebt das Buch vor allem von zahlreichen Anekdoten und Episoden, die durch die starke, aber zunehmend unzuverlässige Erzählstimme von Christian, der sich immer wieder verzettelt, nichts versteht und von seinen Erinnerungen getäuscht wird, zusammengehalten werden. Außerdem hängt über allem dräuend ein mysteriöses Verbrechen, das am Anfang zwar angedeutet wird, aber erst am Ende erfahren wir, worum es wirklich geht. Und während ich die ersten vier Fünftel des Romans wegen dieser vielen kleinen ernst-witzigen Beobachtungen der Figuren wirklich genossen habe, finde ich das Ende, das zu einem kleinen Möchte-gern-Krimi verkommt, nicht so gelungen, das ist aber Geschmackssache. Trotzdem möchte ich das Buch empfehlen: Die Sprache ist locker-flockig klug, die Figuren sind warmherzig geschildert und gerade wegen ihrer nervigen Fehler sympathisch. Aufgrund dessen braucht man nicht einmal einen Spannungsbogen, um weiterzulesen. Ein herrlicher Roman!

Über die Autorin: Verena Rossbacher (* 1979 in Bludenz, Österreich) studierte Philosophie, Germanistik und Theologie, bevor sie an das Literaturinstitut Leipzig wechselte. Sie lebt in Berlin. „Ich war Diener im Haus Hobbs“ ist ihr dritter Roman.

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