Maxim Biller: Sechs Koffer

Ein weiterer Anwärter für den Deutschen Buchpreis 2018 ist Maxim Biller mit seinem neuen Roman „Sechs Koffer“. Während Biller selbst die Gemüter spaltet, kommt sein neuestes Werk überwiegend gut bei den Rezensenten an, auch wenn sich die Euphorie in Grenzen hält.

Was ich ehrlich gesagt gut nachvollziehen kann. Das Spannendste war für mich die Erzählperspektive, die eigentlich unmöglich ist. Denn wir haben einen personalen Erzähler, der die Perspektive des Ich-Erzählers einnimmt und doch aus der Innensicht anderer erzählt, zum Beispiel berichtet er, während er neben ihr schläft, über seine Mutter, die gerade in Kusmins Tagebuch liest:

Nachdem sie ein paar Zeilen gelesen hatte, machte sie es aber gleich wieder zu. Sie dachte, Kusmin hat recht, alle sind unglücklich, alle tragen eine unerträgliche Last, wenigstens das sollte mich ein bisschen glücklich machen, und außerdem sollte ich froh sein, dass ich nur manchmal dieses ganz kleine, versteckte Todesgefühl kriege, aber noch nie an echten, endgültigen, unumkehrbaren Selbstmord gedacht habe.

Tja, damit sind wir auch schon mittendrin in der verwirrenden, undurchsichtigen Figurenwelt einer Familie zwischen Ost und West in der Nachkriegszeit, die ein Geheimnis mit sich herumträgt: Der Großvater, der große Tate, wurde vom KGB verhaftet und zum Tode verurteilt. Doch wer hat ihn und seine Schmuggelgeschäfte verraten? Wer ist der Denunziant in der Familie? Das ist die große Frage, die jeden umtreibt, vor allem die Enkel des Taten, die beide später Bücher darüber schreiben werden. Aber erst mal schlüpfen wir in die Leben jedes Verdächtigen: Vater Sjoma, Mutter Rada, Onkel Dima, Onkel Lev. Und aus der Sicht des Ich-Erzählers und dessen Schwester Jelena verfolgen wir mit, wie zerstörerisch dieses immerwährende Geheimnis und dessen Folgen auch noch Jahrzehnte später wirkt.

Für mich, die ich zugegebenermaßen nicht ganz so interessiert an der Auflösung war, wer denn nun derjenige welcher ist, war die Stimmung in diesem Buch viel bedrückender. Alle sind unglückliche Existenzen, schleppen sich mit dem Alltag ab, mit Schuld in vielerlei Hinsicht, mit unerfüllter Sehnsucht, mit unliebsamen Verantwortlichkeiten. Dima zum Beispiel, der unglückliche Onkel, der den ständigen Argwohn der restlichen Familie ertragen muss, wird von seiner eigenen Frau erpresst und unter Druck gesetzt, alles, was er macht, ist verkehrt und zu wenig, niemand liebt ihn, niemand nimmt ihn ernst. Allein mit dieser Figur konfrontiert zu sein ist niederschmetternd, dazu kommen noch all die anderen.

Sympathiepunkte bekommt dieses Buch nun gerade nicht von mir, aber ich bin mir sicher, dass Biller es darauf auch nicht abgesehen hat. Die Perspektive und eine jeden positiven Gedanken verschlingende Figurenzeichnung haben mich beeindruckt, aber dann doch irgendwie kalt gelassen. Es würde mich aber nicht überraschen, wenn „Sechs Koffer“ einen der wichtigsten Literaturpreise Deutschlands bekäme.

Über den Autor: Maxim Biller (*1960 in Prag, Tschechien) lebt seit 1970 in Deutschland. Er studierte in Hamburg und München Literatur, anschließend an der Deutschen Journalistenschule und schrieb u. a. für den Spiegel und DIE ZEIT. Seine streitbaren Auftritte im Literarischen Quartett polarisierten ebenso wie seine Romane und Erzählungen. Die Publikation seines Romans „Esra“ wurde aufgrund der Verletzung von Persönlichkeitsrechten an Billers früherer Partnerin Ayşe Romey von einem Gericht verboten. Biller wurde aber auch vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Münchner Tukan-Preis und der Heidelberger Poetikprofessur.

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