Iunona Guruli: Wenn es nur Licht gäbe, bevor es dunkel wird

Genauso düster wie der Titel ist auch der Inhalt dieses kleinen Büchleins mit nur gut 200 Seiten und 13 Geschichten.

Gurulis Blick auf die Gesellschaft ihres Heimatlands ist größtenteils hoffnungslos und schonungslos. Von einer Freundin, die unlängst durch Georgien gereist ist, weiß ich, dass die Georgier ein sehr freundliches Volk sind, das Gäste mit offenen Armen willkommen heißt, auch aber, dass hier die Männer das Sagen haben. Genau das spürt man in jeder Geschichte von Iunona Guruli: Frauen sind hier nicht sicher, nicht vor den Männern, nicht vor sexueller Belästigung, vor Vergewaltigung, vor häuslicher Gewalt. Sie werden beschimpft, bedrängt, geprügelt, umgebracht. Kinder übrigens auch. Und niemanden interessiert es.

Wenn es mal nicht um sexualisierte Gewalt geht, geht es stattdessen um Drogen, um Depressionen, um Polizeirazzien, um Bandenkriminalität – aber auch immer um große Gefühle im Kleinen. Durch die schmutzigen Scheiben der gesellschaftlichen Missstände schimmert ab und zu ein Hauch von Liebe: von einer Mutter zu ihrem Kind, von einem Mann zu seiner Frau … Doch wo Liebe ist, sind auch Zweifel, wo Liebe ist, ist auch Enttäuschung. Nach der Lektüre dieser bewegenden Geschichten möchte ich hinzufügen: vor allem in Georgien, aber doch in der Hoffnung, dass der Großteil dieses Landes nicht so tickt wie die verzweifelten Protagonisten dieses Buches.

Guruli schreibt sachlich, viele Figuren haben nicht mal Namen, und doch ist jede Geschichte persönlich, nicht verallgemeinernd.  Es sind kleine Geschichten, einzelne Schicksale, die es nicht mal in die Zeitung schaffen würden, und doch schildern sie symptomatisch den Zustand einer Gesellschaft, die in kaukasischen Gebieten von kriegerischen Auseinandersetzungen mit Russland und all den damit verbundenen Konsequenzen überschattet wird.

Bei manchen dieser Geschichten hatte ich Tränen in den Augen, ohne Zweifel werden sie mich in ihrer nüchternen und doch einfühlsamen Brutalität noch eine Weile begleiten. Das ist für einige abschreckend, für mich ist genau das die Aufgabe von Büchern. Daher: Prädikat lesenswert!

Über die Autorin und Übersetzerin: Iunona Guruli (* 1978 in Tbilisi, Georgien) studierte erst Schauspiel und Journalistik, dann Politik und Geschichte und lebt seit 1999 in Deutschland. Heute lebt sie als Übersetzerin für Deutsch und Georgisch in Berlin. „Wenn es nur Licht gäbe, bevor es dunkel wird“ ist ihr Debüt, das sie selbst aus dem Georgischen übertragen hat und für das sie 2016 mit dem nationalen georgischen Literaturpreis Saba für das beste Debüt ausgezeichnet w

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