Michel Faber: Das Buch der seltsamen neuen Dinge

Das beste Buch, das ich seit Langem gelesen habe!

Kurz zum Inhalt: Der Pastor Peter wird vom Heimatplanet Erde (genauer gesagt aus England) nach Oasis geschickt, einem Planeten, der erforscht und irgendwann womöglich besiedelt werden soll. Eine neue Technik für Raumsprünge macht es möglich. Vor Ort soll er aber nicht den Wissenschaftlern, die dabei sind, Oasis bewohnbar zu machen, seelsorgerisch beistehen – sondern den Oasiern, den Ureinwohnern des Planeten.

Diese Ureinwohner sind … sagen wir, anders als Menschen, aber zumindest ähnlich von der Gestalt, einigermaßen Englisch haben sie glücklicherweise auch schon gelernt, sodass die Kommunikation zwischen ihnen und Peter gar nicht so schwerfällt. Letzterer geht in seiner missionarischen Tätigkeit auch sofort voll und ganz auf, lernt die Oasier kennen und lieben. Es gibt nur ein Problem: Zu Hause, in England, wartet seine Ehefrau Bea auf ihn, die ihn einst von der Straße holte und zu Gott führte. Neben ihrer großen Liebe zueinander ist es vor allem ihr Gottesglaube, der sie vereint. Zu Bea kann er nur Kontakt aufnehmen, wenn er in der USIC-Basis ist, dem Hauptquartier der Menschen, so etwas wie ein Mailkontakt ist möglich, mehr nicht. Und je mehr Zeit Peter mit den Oasiern verbringt, desto schwammiger wird sein Leben auf der Erde. Und je toller es auf Oasis für ihn läuft, desto schlimmer werden die Zustände auf der Erde: Naturkatastrophen, Versorgungsmangel überall, der Verfall der alten Welt, die Auflösung der Gesellschaft …

Ich gebe zu, wenn man sich diesen Inhalt durchliest, klingt es etwas abgefahren, aber diesen stark an Science-Fiction erinnernden Plot brauchen wir als Ausgangsbasis für den Zauber von Michel Faber. Denn sobald Peter nach den ersten paar Seiten auf Oasis landet, sind wir voll und ganz bei ihm, dann ist er einfach ein Mann in neuer Umgebung, der die Aufgabe hat, anderen Gott und das Christentum näherzubringen und der nach und nach Schwierigkeiten mit seiner Aufgabe bekommt. Wer nun sagt: Ich glaube nicht an Gott, ich kann mit dem Buch nichts anfangen, den kann ich beruhigen: Der Leser wird hier nicht bekehrt oder so was – die Beschäftigung mit dem Christentum oder auch anderen Formen von Glauben findet hier auf eine sehr objektive und offene Weise statt. Peter glaubt un einige der Oasier auch, aber der Rest der menschlichen Belegschaft hat mit Gott und Co. so gar nichts am Hut.

Was ist es nun, was mich hier so begeistert hat? Zum einen die poetische, kreative, fantasievolle Sprache von Faber, mit der er kaum bemerkenswerte Dinge so … schön macht, schön und lebendig und lebensnah. Beispiel:

Nicht jede Begegnung konnte einschneidend sein. Manche Unterhaltungen waren schlicht ein Austausch von freundlichen Atemzügen.

Ich habe sofort ein Bild vor Augen von diesen freundlichen Atemzügen. Mit diesen Bildern entführt uns Faber in eine Welt, die karg ist und doch voller Wunder, wo Pflanzen wachsen, denen je nach Erntezeitpunkt und Verarbeitung jede Geschmacksnote verliehen werden kann, wo der Regen tanzt statt nur zu fallen, wo die Luft lebendig und frech ist und an der Haut leckt, wo ein Tag 72 Stunden dauert – und wo menschliche Tragödien genauso alltäglich sind wie auf der Erde. Wo Sehnsucht ebenso herrscht wie die Angst vor dem Tod, wo Freundschaften rar und deswegen noch wertvoller sind. Faber schafft es, Oasis real zu machen, ich würde ihn gern sehen, diesen Planeten, der die zweite Chance für die Menschen sein soll, die ihre Erde systematisch zerstört haben.

Zum anderen fasziniert mich Fabers Beschreibungskunst von Gemütszuständen. Keine der Figuren, nicht mal die Oasier, die kein Englisch sprechen und nicht an Jesus glauben, bleibt uns fremd, auch hier sind alle so realistisch, zum Greifen nah. Grainger, Peters „Betreuerin“, die mit dem emotionslosen Leben auf Oasis nicht zurechtkommt, fließt mit jedem Wort unser Mitgefühl zu, gleichzeitig wächst unsere Neugierde auf die Oasier, die sich für menschliche Gewohnheiten so merkwürdig verhalten und die so große Angst vor dem Tod haben, dass sie Jesus geradezu verehren müssen. Gerade in ihrer Fremdheit sind sie so niedlich, wie unschuldige, tapsige Kleinkinder, verletzlich und doch stark. Wir verstehen Peters Interesse, sein Unbehagen dann und wann, seine Frustration, wenn er sich nicht verständlich machen kann, sein Abtauchen in diese Chance, in diese Welt. Und damit verbunden sehen wir seine Verwirrung, sein zunehmendes Verlorengehen zwischen zwei Leben, zwei Welten, die unterschiedlicher kaum sein könnten, und zwischen zwei Verantwortungen. Und nicht zuletzt verfluchen wir ihn, weil er Bea im Stich lässt, deren Nachrichten immer verzweifelter werden und mit ihr – wir, irgendwie.

Vom Grundgerüst abgesehen hat dieser Roman nichts mit Science-Fiction zu tun. Es ist eine Versuchsanordnung über gleichzeitig so vieles, und fast alles ist gelungen (nur die ab und an sexistischen Gedanken, die könnten gestrichen werden, ich erinnere an Grainger, der unser Mitleid gehört, weil sie nicht mehr weiblich genug ist, sobald sie noch ein paar Kilo zunimmt etc.): Wie kann eine Liebe zwischen zwei Welten funktionieren? Kann überhaupt irgendjemand leisten, was Faber seiner Hauptfigur aufbürdet? Kann jemand das Christentum verstehen und wirklich glauben, der die Hälfte der Bibel nicht begreifen kann, weil so viele Konzepte und Grundbegriffe fehlen (wie erkläre ich das mit dem Hirten und den Schafen, wenn es in dieser Welt keine Schafe gibt?)? Kann das menschliche Miteinander in dermaßen reduziertem Zustand gutgehen? Wo beginnt eine feindliche Invasion bei so friedlichen Wesen wie den Oasiern? Fragen über Fragen, denen Faber auf den Grund geht, mal mit brillanten Antworten, mal einfach so, eben ohne Antworten, weil auch das menschlich ist.

Ich habe diesen Roman verschlungen und geliebt! Er ging mir nahe, hat mich berührt, vor moralisch schwierige Fragen gestellt, mitgerissen und schlichtweg begeistert.

Über den Autor: Michel Faber (* 1960 in Den Haag, Niederlande) emigrierte mit seinen Eltern im Alter von sieben Jahren nach Australien. Das Gefühl des Fremdseins hat hier kennengelernt und ist vielleicht mitverantwortlich dafür, dass er das in diesem Buch so anschaulich beschreiben kann. Er studierte Anglistik in Melbourne, bevor er mit seiner Frau nach England auswanderte. Sie lebten als Obdachlose, bevor sie nach Australien zurückkehrten – eine weitere tiefgreifende Erfahrung, die in seinem neuen Roman vorkommt. Mit seiner zweiten Ehefrau gelang dann die Emigration nach England, heute lebt er mit ihr und den gemeinsamen Söhnen bei Inverness. Faber evröffentlichte mehrere Erzählungen und Romane und wurde für zahlreiche Preis nominiert. Sein Roman Die Weltenwanderin (Under the Skin) wurde 2013 verfilmt.

Über den Übersetzer: Malte Krutzsch (* 1949 in Neuwied) begann nach seinem Studium der Pädagogik und Kommunikation seine Tätigkeit als Übersetzer aus dem Englischen. ZU den von ihm übertragenen Autoren gehören u. a. Robert B. Parker, Richard Price, Gwendoline Butler, Woody Allen, Reif Larsen und Charles Bukowski.

 

 

Werbeanzeigen

Ein Gedanke zu “Michel Faber: Das Buch der seltsamen neuen Dinge

  1. Pingback: Monatszitat Juli 2018 – LiteraturZeit

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s