Helen Simpson: Nächste Station

In den Erzählungen von Helen Simpson findet man sich wieder, leidet mit, freut sich mit – und staunt stets über die sprachliche Qualität und die genaue Beobachtungsgabe der Autorin!

Eine ältere Frau mit Brille nimmt niemand wahr – du könntest sogar ungestraft mit einem Mord davonkommen.

Tja, so sieht sie aus, die harte Realität. In einer Welt, die völlig auf Leistung, Jugend und Schönheit ausgerichtet ist, gehen ältere Menschen unter, und Frauen gleich noch viel mehr, da dieselbe Welt auch auf Männlichkeit ausgerichtet ist. Der Klappentext preist das Buch als neue Wahrheit über das mittlere Alter an, dabei ist es viel mehr als das. Die Protagonisten sind zum Großteil im mittleren Alter, einige auch schon etwas weiter, aber die Themen beschränken sich nicht darauf.

Da gibt es zum Beispiel „Kythera“, in der eine Frau einen Kuchen für ihre Tochter backt und gleichzeitig deren Leben Revue passieren lässt. Weil sie diesen Kuchen jedes Jahr zum Geburtstag der Tochter backt, kennt sie das Rezept in- und auswendig und bringt jeden Arbeitsschritt in Zusammenhang mit den Epochen im Leben der erwachsenen Tochter. Da stehen die witzigen Anekdoten neben den schwierigen Zeiten – und ganz am Ende steht eine harte Wahrheit.

Sehr eindrücklich fand ich auch „Erewhon“ (ja, die Autorin hat Hang zu außergewöhnlichen Titeln). Es ist 3:29 Uhr und der Protagonist wacht auf und wirft einen Blick auf die Uhr. Jeder Mensch mit Schlafstörungen weiß: Niemals auf die Uhr sehen! Aber zu spät. Nun liegt er wach, und die Gedanken kreisen und kreisen und kreisen. Seine Frau liegt neben ihm und schnarcht den Schlaf der Selbstgerechten, während er sich den Kopf zerbricht, wie er neben Kindererziehung, Haushalt und Ehe auch noch den Ganztagsjob meistern soll. Sie kümmert sich ja um nichts … Ihr ahnt es schon, oder? Bei mir hat es gedauert. Ich fand es eine Zeit lang gar nicht unrealistisch, dass es auch mal anders rum ist, dass es durchaus Paare gibt, bei denen die Rollen dermaßen vertauscht sind. Aber Helen Simpson treibt das Bild auf die Spitze – gleich doppelt. Denn zum einen wird es irgendwann unrealistisch, dass das eine „normale“ Beziehung ist, und es wird deutlich, dass sie die Rollen von Mann und Frau vertauscht hat. Ein bisschen Polemik steckt hier drin, klar, als Gegenspieler hat sie den schlimmsten Typ Mann in Körper und Geist einer Frau gesteckt. Das Schlimmste ist aber, dass das Ganze fast unerträglich ist: Der arme Mann, der mit dieser Frau leben muss! Während doch tagtäglich Milliarden Frauen mit solchen Männern leben müssen – und für alle ist es selbstverständlich.

Jeder dieser neun Erzählungen ist etwas Besonderes, jede macht Spaß, jede bewegt, jede macht neugierig auf die nächste. Wie kann es sein, dass Helen Simpson sich kleine Begebenheiten aus dem Alltag greift – das Backen eines Kuchens, einen Krankenhausaufenthalt, den Besuch des Kühlschrankmonteurs etc. –, und nichts davon ist langweilig? Einerseits liegt es an umsichtigen Protagonisten, die kluge Zusammenhänge herstellen und einen scharfen Blick auf die Gegenwart mit allen Vor- und Nachteilen werfen. Wer sagt denn auch, dass die Wahrheit des Lebens im Großen liegt, und nicht im Kleinen? Andererseits liegt der Schlüssel in der Sprache der Autorin: Gleichermaßen zurückhaltend wie poetisch, gibt sie dem Inhalt Raum und unterstreicht ihn an den genau richtigen Stellen.

Über die Autorin: Helen Simpson (* 1959 in Bristol) studierte Englische Literatur in Oxford und arbeitete als Reporterin bei der Vogue, bevor sie begann, als freie Autorin Zeitungsartikel, Kochbücher und Erzählungen zu schreiben. Für ihre Geschichten erhielt sie den Young Writer of the Year Award, der von The Sunday Times vergeben wird, und den Somerset Maugham Award.

Über die Übersetzerin: Michaela Grabinger studierte Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Philosophie und Psychologie in München. Anschließend arbeitete sie in Journalismus und Verlagswesen, seit 1987 überträgt sie als freie Übersetzerin verschiedene Autoren, etwa Michael Crichton, Joy Fielding und Elif Shafak, ins Deutsche.

 

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Ein Gedanke zu “Helen Simpson: Nächste Station

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