Najem Wali: Saras Stunde

Bewegend und aufwühlend: Ein Roman über die Stunde der Frauen in Saudi-Arabien, einem Golfstaat, der Menschenrechte, aber vor allem Frauenrechte mit Füßen tritt – natürlich im Namen der Religion.

Und weil Religion für viel Gutes herhalten darf, aber vor allem für viel Schlechtes herhalten muss, wird sie auch hier oft bemüht. Vermutlich kann man keinen Roman über eine islamische Gesellschaft schreiben, ohne den Islam prominent zu platzieren, während Bücher über christlich geprägte Gesellschaften gut ohne Religion auskommen. Die titelgebende Sara wächst von einem kleinen, quirligen Mädchen zu einer verwöhnten und zunehmend leidgeprüften jungen Frau heran. Von ihrem Vater heiß und innig geliebt, wird ihr von jeher jeder Wunsch von den Augen abgelesen.

Aber es gibt schon früh kuriose Vorgänge in ihrem Umfeld, die Sara nicht versteht: Ihre beste Freundin und deren Familie werden inhaftiert, später taucht Alhanuf sogar ganz unter, und Sara verliert den Kontakt zu ihr. Ein Scheich taucht an ihrer Schule auf und verbietet Sara per Dekret nach einem peinlichen Zwischenfall, weiterhin eine Schule zu besuchen. Außerdem sei sie vom Teufel besessen – ein Makel, der es jeder Schule ohnehin verbieten würde, sie jemals aufzunehmen. Das kleine Mädchen ist verwirrt, aber auch entschlossen! Eine neue Schule muss her, und weil der Papa alles möglich macht, ist bald eine Privatschule gefunden: auf dem US-amerikanischen Luftwaffenstützpunkt, den der Vater mit Lebensmitteln beliefert und wo er Freunde gefunden hat, die sich für ihn und Sara einsetzen.

Und dann bricht das größte Übel über Sara herein: ihr Onkel, Scheich Jussuf al-Ahmad, Leiter der Behörde für die Verbreitung der Tugendhaftigkeit und die Verhinderung von Lastern, der saudi-arabischen Religions- und Sittenpolizei (gibt es wirklich). Voller Fanatismus, voller Bösartigkeit und Kaltherzigkeit bringt er seiner Nichte, ebenso wie seinen eigenen Kindern, nichts anderes als den Wunsch entgegen, sie zu erniedrigen. Alles, was von der von ihm landesweit gesetzten Norm abweicht, gehört zerstört: Schwester, Schwager, Nichte, Sohn. Nur seine Frau hat andere Pläne und sorgt für die Vermählung von Sara und Nassir, ihrem jüngsten Sohn. Al-Ahmads gemeiner Plan, dieses Vorhaben zu vereiteln, scheitert und fortan sinnt er auf Rache …

Zur Spannungssteigerung lasse ich das Ende jetzt mal offen. In seiner fast schon geisteskranken Besessenheit erinnert der Scheich an einen Bösewicht à la Bond, ohne dass ich ihn damit unglaubwürdig erscheinen lassen möchte. Es ist leider mehr als vorstellbar, dass es solche Menschen gibt, egal, in welchem Land, egal, von welcher Religion. Sara hingegen ist für den Autor Najem Wali ausdrücklich eine Frau in vielen Frauen und andersherum. Sie steht für die neue Generation von Frauen (seit den 80er Jahren) – Frauen, die ihre Freiheit fordern, die gegen Korruption angehen, gegen Ungerechtigkeit. Doch solange es in einem Land eine Sittenpolizei gibt, die jeden einfach festnehmen und foltern kann, der ihrer Meinung nach einen Fehler begeht – sei es sich zu offenherzig in der Öffentlichkeit zu zeigen, keinen Niqab zu tragen oder Ähnliches –, hat es jeder Widerstand schwer.

Die Geschichte von Sara ist ein Buch in einem Buch. Der in der Romanwelt fiktive Autor Harun Wali erzählt Saras Geschichte, nachdem sie ihn angeblich darum gebeten habe, und veröffentlicht sie als einen Teil eines Romanzyklus. Darin geht es um Liebe, um Hoffnung, um den Kampf um Selbstbestimmung, um Verrat und Rache. Alles, was Sara – eine Frau in vielen – will, ist Glück, privates Glück. Doch in einem Land, in dem das Private so sehr vom Öffentlichen, von der Politik und der politisch aktiven Religion beherrscht wird, könnte nichts schwieriger sein. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Bücher über diese Region nicht unreligiös sein können, die Religion ist zu mächtig beziehungsweise wird von mächtigen Männern missbraucht, um ihr eigenes Tun, ob öffentlich oder privat, zu rechtfertigen (was nicht ausschließt, dass nicht einige wirklich an die Richtigkeit ihres Handelns glauben – aber mit Sicherheit überwiegt der Rest).

Najem Wali schreibt, obwohl er schon lange in Deutschland lebt,  typisch arabisch: lange, komplizierte Sätze, wahnsinnig viele Informationen, viele Wiederholungen, eine blumige, überbordende Sprache, etliche Nebensätze. Darauf muss man sich einlassen, ist ja auch mal eine schöne Abwechslung zur deutschen oder englischen Nüchternheit. Aber anfangs hat es mich angestrengt, nach einigen Kapiteln greift dann der Gewöhnungseffekt und man kann es genießen und sich in eine Geschichte begeben, die sicher auch mal aufregt, aber vor allem viel Wissen vermittelt – über Frauen, die „mit einem Körper aus Glas gegen Steine kämpfen“.

Über den Autor: Najem Wali (* 1956 in Basra) floh 1980 nach Westdeutschland, nachdem er im Irak desertierte. Er studierte in Hamburg Germanistik, in Madrid Spanische Literatur und kehrte 1990 nach Deutschland zurück. Er lebt als Autor, Journalist und Auslandskorrespondent (er schreibt u. a. für die Süddeutsche Zeitung und die arabische Tageszeitung Al Hayat) in Berlin. Jedes Mal, wenn eines seiner gesellschaftskritischen Bücher einen arabischen Verleger findet und in der arabischen Welt veröffentlicht wird, ist ein Erfolg.

Über den Übersetzer: Markus Lemke (* 1965 in Münster) studierte Orientalische Philologie und Islamwissenschaften in Bochum und Kairo. Seit 1995 überträgt er Texte aus dem Hebräischen und Arabischen.

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