Barbara Gowdy: Kleine Schwester

Eine Frau verlässt ihren Körper und findet sich Sekunden später in dem einer anderen wieder – Fantasy? Parapsychologie? Nein, ein psychologischer Versuch – beunruhigend, bewegend und unterhaltsam zugleich.

Rose Bowan leitet zusammen mit ihrer demenzkranken Mutter das Kino der Familie weiter – und damit die Filmleidenschaft ihres Vaters, der schon vor Jahren starb. Sie führt eine halbgare Beziehung zu einem neurotischen Meteorologen, hat einen ehemaligen Drogendealer für Hausmeistertätigkeiten eingestellt und weiß: So richtig glücklich ist sie nicht. Aber so richtig unglücklich eben auch nicht. Doch dann plötzlich ein Gewitter, nicht untypisch für Toronto zu dieser Jahreszeit, doch das Nasenbluten, das Flimmern vor den Augen … Und als sie die Augen wieder öffnet, ist sie nicht mehr sie selbst. Sie steckt im Körper einer anderen Frau, die sie überhaupt nicht kennt. Genau so schnell, wie es begann, ist es auch wieder vorbei.

Zuerst hat sie den Hausmeister im Verdacht – hat er ihr etwas in den Kaffee getan? Oder hat sie einen Tumor? Ein außergewöhnliches Symptom von Migräne gar? Dann das nächste Gewitter: wieder Nasenbluten, wieder das Flimmern, der Schwindel, die Schwäche. Und wieder steckt sie für Sekunden im Körper von Harriet, Lektorin in einem großen Verlag, hin und her gerissen zwischen zwei Männern … Je öfter die Episoden vorkommen, desto mehr Gemeinsamkeiten findet Rose zwischen der mysteriösen Harriet (die wirklich existiert, soviel findet sie heraus) und Roses Schwester Ava. Ava, das zarte, hypersensible Mädchen, das auf so tragische Weise starb.

Der Roman „Kleine Schwester“ der kanadischen Autorin Barbara Gowdy ist so vieles: beklemmend, berührend, unterhaltsam, witzig in seiner lebensechten Skurrilität (dazu trägt die toughe, wenn auch zunehmend durch Demenz eingeschränkte Mutter im Wesentlichen unfreiwillig bei) und vor allem dramatisch. Wie Rose anfangs eine scheinbar ganz normale, von den täglichen Problemen geplagte Frau ist und erst nach und nach das tiefe Trauma durch den Verlust der Schwester sichtbar gemacht wird, hat Seltenheitswert. Barbara Gowdy spinnt eine Geschichte, die so, wie sie ist, ins Reich der Fantasie gehört, die aber metaphorisch so stark ist, dass es dem Leser schier Tränen in die Augen treibt. Rose ist irgendwann wie besessen von Harriet, stellt ihr nach, versucht verzweifelt, eine Begegnung herbeizuführen, wird unfreiwilliger und doch notorischer Spitzel intimster Situationen – eine Situation ohne Ausweg für eine Frau, die von den Zwängen, die sie sich selbst, aber auch andere ihr auferlegen, schier erstickt … Ein sehr lesenswertes Buch, erstaunlich still für eine so große Geschichte.

Über die Autorin: Barbara Gowdy (* 1950 in Windsor, Ontario) studierte Musik und Theaterwissenschaften, arbeitete als Verlagslektorin und unterrichtete Kreatives Schreiben an der Universität Toronto. Seit knapp 40 Jahren schreibt sie als freie Autorin Romane und Erzählungen, von denen einige verfilmt wurden. Sie war bereits für zahlreiche renommierte Preise nominiert und steht in Kanada regelmäßig auf den Bestsellerlisten. Ganz klar eine Autorin, die auch in Deutschland mehr Aufmerksamkeit verdient.

Über die Übersetzerin: Ulrike Becker (* 1959 in Thuine) studierte Amerikanistik und Theaterwissenschaften und ist seit 1989 als Übersetzerin tätig. Sie überträgt u. a. Tim Parks ins Deutsche.

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