Jean-Marc Ceci: Herr Origami

Definitiv ein außergewöhnliches Buch, klein und schmal, ein Häppchen für zwei Stunden Lesezeit – aber alles andere als belanglos!

Meister Kurogiku, von den Dorfbewohnern „Herr Origami“ genannt, kam aus Japan nach Italien auf der Suche nach einer Frau, in die er sich Hals über Kopf verliebte. Er hat sie nie gefunden, aber ein Leben in einer alten Ruine hoch über dem Meer. Meister Kurogiku stellt Washi her, das traditionelle Origami-Papier. Lange sitzt er unbewegt da, faltet das Papier zu Figuren – mit nur zwei Faltungen: der Bergfalte und der Talfalte. Die schönsten behält er für sich selbst, die am wenigsten schönen verkauft er.

Und was tut er mit den Figuren? Aufstellen, bewundern? Nein, er faltet sie wieder auseinander und bestaunt die entstandenen Linien auf dem Papier, auf dem entfalteten Papier – jede Linie ist einzigartig und trägt die Welt in sich. Nur so kann er versuchen, sie zu verstehen, denn es gibt Dinge in dieser Welt, die so unverständlich sind, dass man an ihnen verzweifeln könnte …

„Herr Origami“ hat mich überrascht, ich dachte, es wäre ein Roman. Doch was ist es stattdessen? Schon eine durchgehende Geschichte, aber doch etwas eigen, so eigen wie die Hauptfigur, so still und nachdenklich. Die Kapitel sind manchmal nur wenige Zeilen lang, manchmal bringen sie es aber auch auf mehrere Seiten. Das für mich Überraschende und letztlich sehr Schöne: Als Schnellleser hat es etwas gedauert, aber ich habe mich mit dem Lesetempo an die Geschichte und den Look des Buches angepasst. Der viele Stunden täglich meditierende Herr Origami hat auch mich etwas beruhigt … bis dann das Ende kam, das mich wieder aufgerüttelt hat. Aber ich habe das Buch mit einem Lächeln und einer gewissen Entspanntheit zur Seite gelegt. Auch das ist eine respektable Leistung in unserer schnelllebigen Zeit.

Über den Autor: Jean-Marc Ceci (* 1977) lehrt Rechtswissenschaften an der Universität und lebt mit seiner Familie in Südbelgien. „Herr Origami“ ist sein erster Roman.

Über die Übersetzerin: Claudia Kalscheuer (* 1964) übersetzt seit 1994 aus dem Französischen, u. a. Werke von Marie NDiaye, Antoine Laurain, Henri Bauchau, Marie-Sabine Roger. 2002 wurde sie mit dem André-Gide-Preis ausgezeichnet, 2010 erhielt sie mit Marie NDiaye den Internationalen Literaturpreis.

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