Tim Krohn: Erich Wyss übt den freien Fall

Was ist denn hier passiert? Nach dem ersten Band aus dem Projekt „Menschliche Regungen“ – „Herr Brechbühl sucht eine Katze“ (in der Rezension findet ihr auch mehr zum Hintergrund des Projekts) – war ich hin und weg und konnte es kaum erwarten, den zweiten Band zu lesen. Doch der hat mich leider enttäuscht.

An der Grundsituation hat sich nichts geändert: Immer noch beschreibt der Autor die Irrungen und Wirrungen der Bewohner eines Genossenschaftshauses in Zürich. Da sind Herr Brechbühl und seine neue Freundin Edith-Samyra, die Studenten Pit und Petzi, die Schauspielerin Selina, die alleinerziehende Mutter Julia samt spitzzüngiger und durchsetzungsstarker Tochter Mona, Tüftler und Gelegenheitspapa Moritz, die Costas, die sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen, und die Wyssens, das alte Ehepaar, das nach einem Weg durch das beschwerliche Altwerden sucht. Dem Projektleitfaden gemäß bildet Tim Krohn auch wieder zahlreiche Gefühle ab, von Courage über Gemütlichkeit und Eloquenz bis hin zu Weitsicht und Kaprize.

Was also ist dieses Mal anders? Die Figurenkonstellation erfreut mich nach wie vor, doch die Entwicklung ebenjener wird etwas unglaubwürdig. Es mag vorkommen, doch wie wahrscheinlich ist es, dass Julia einen Schlossbesitzer im Flieger kennenlernt, der sie auf seine Privatinsel einlädt und ihr natürlich gleich einen Job anbietet, für den sie keinerlei Kompetenz und Erfahrung mitbringt? Kurz darauf telefoniert sie, die freie Lektorin ist, mit einem Autor, und weil der findet, dass sie einen viel besseren Job macht als er, bietet er ihr an, das Gehalt zu tauschen – bis die Redaktion seines neuen Buches abgeschlossen ist, lebt er von ihrem Lohn und sie von seinem, was etwas das 50-fache ist.

Auch das Gesellschaftspanorama mit den klugen, fast schon philosophischen Betrachtungen fehlt mir hier. Es gibt zwar die philosophischen Passagen. Aber die erscheinen mir nun dieses Mal so abgehoben, dass es mich leider genervt hat. Viel mehr Platz bekommt dieses Mal aber das Thema Erotik, nicht zuletzt durch die Costas, die etwas derber gestrickt sind, was sexuelle Vorlieben angeht, und die in diesem Band ein Porno-Projekt in Angriff nehmen, was tatsächlich sehr witzig ist.

Kurzum: Haben mich die kleinen und doch weltverändernden Begegnungen und Ereignisse im ersten Buch stets berührt und mitfühlen und -denken lassen, so frage ich mich beim Nachfolger stets: warum plötzlich so groß und unauthentisch? Das wahre Genie des Autors bleibt hier leider versteckt.

Über den Autor: Tim Krohn (* 1965 in Wiedenbrück, Nordrhein-Westfalen) wuchs im schweizerischen Glarus auf und studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft. Er lebt als freier Autor von Romanen und Theaterstücken mit seiner Familie in Santa Maria Val Müstair und erhielt bereits zahlreiche Auszeichnungen, etwa den Kulturpreis des Kantons Glarus oder den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis. Mit Vrenelis Gärtli gewann er 2007 die Wahl zum besten Schweizer Buch.

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