Gilles Marchand: Ein Mund ohne Mensch

Ein Mann, eine Bar, eine Geschichte … so beginnt der bewegende Roman von Gilles Marchand, pünktich zur Frankfurter Buchmesse, deren Ehengast in diesem Jahr Frankreich ist.

Der namenlose Ich-Erzähler lebt zurückgezogen, ohne großen Kontakt zur Außenwelt, ohne Freunde. Er ist Buchhalter und hatte einen Großvater, den er sehr liebte und der ihm seine Sicht auf die Welt lehrte – eine Sicht, die von Fantasie geprägt ist und von dem dringenden Wunsch, der Realität zu entfliehen. Warum, nun, das erfahren wir erst ganz am Ende.

Wichtig ist erst mal nur, dass der Ich-Erzähler jeden Abend in eine Bar geht, dort sind Lisa, die Inhaberin, und seine einzigen Freunde Thomas und Sam. Vor Jahren fanden sie sich zufällig so zusammen, und seitdem treffen sie sich täglich. Thomas redet viel und glaubt seit einem Unfall, Kinder zu haben, die es nicht gibt. Sam hat seine Eltern verloren, erhält aber dennoch mysteriöse Briefe von ihnen … und Lisa? Die ist einfach da, schön, freundlich und unerreichbar. Sie eint die Einsamkeit, die Liebe zu den Beatles und das Kartenspielen.

Doch eines Tages geschieht ein Unfall: Der Ich-Erzähler, wie stets vermummt in einen Schal, der sein Gesicht bis zur Nase verdeckt, trifft mit dem Kaffee nicht seinen Mund und durchnässt seinen Schal. Ein Anlass für die anderen, festzustellen, dass sie eigentlich nichts von ihm wissen. Ein Anlass für unsren Ich-Erzähler, etwas preiszugeben.

Er erzählt von seinem Großvater, von Pierre-Jean, dessen Name die verkehrte Reihenfolge hat und der auch sonst in seinem Leben nie viel Wert auf Korrektheit legt. Um seinem Enkel das Leben zu erleichtern, unternehmen sie Fantasiereisen, keine Erklärung hält sich an Fakten, keine Geschichte an Wahrheiten – das Leben ist ein großes, buntes Abenteuer. Und warum das alles? Nach und nach führt der Erzähler seine Zuhörer – und das werden immer mehr, Tag für Tag füllt sich die Bar mehr und mehr, ganze Busladungen stürmen den Raum – immer weiter in seine eigene Vergangenheit, zum Kern seines Wesens.

Doch er merkt selbst, die Wahrheit, der Kern, ist nur für seine Freunde bestimmt, nur für Lisa, Thomas und Sam, und für ihn selbst, für niemanden sonst …

Gilles Marchand nimmt seine Leser auf eine berührende Reise in die Vergangenheit mit. Sein Ich-Erzähler ist auf grausame Weise verletzt worden und kämpft doch um sein Leben und sein Glück, ist mal selbst-ironisch, mal witzig, mal traurig, mal heiter. Je mehr er jedoch von seinem Großvater erzählt, für den nichts so sehr zählte wie Fantasie, desto verrückter werden auch seine Erlebnisse. Da ist zum Beispiel die Hausmeisterin, die stirbt – fortan kümmert sich niemand mehr um den Müll, und er wächst und wächst, nimmt monströse Ausmaße an, bis das Haus kaum noch betretbar ist. Ein Tunnel muss her, bald ein Wärter, ja, eine kleine Armee … Aus einer Menschenmenge wird eine Zirkusnummer, aus harmlosen kleinen Begegnungen verdrehte Erlebnisse – und alle reichen zurück in die Kindheit des Ich-Erzählers, zu einem Erlebnis, das alles veränderte. So erweist sich der Roman am Ende als bewegender und kompositorisch ausgefeilter Geniestreich.

Zugleich schonungslos und einfühlsam erzählt Marchand von einem Mann, der vergisst und bewahrt, der liebt und hasst, der erzählt und übertreibt, der das Glück findet, die Freundschaft, die Erinnerung, den Schmerz – sich selbst. Ein wunderbares Buch!

Über den Autor: Gilles Marchand (* 1976 in Bourdeaux) ist ein französischer Schriftsteller, Journalist und Musiker. „Ein Mund ohne Mensch“ ist sein erster Roman.

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