Ingrid Kaltenegger: Das Glück ist ein Vogerl

Sprachlich eigenwillig, aber sehr unterhaltsam.

Ich muss zugeben, es hat etwas gedauert, bis ich mit der Sprache von Ingrid Kaltenegger warm wurde. Ausnahmslos vor alle Namen setzt sie einen Artikel, was für den Satzfluss nicht immer vorteilhaft ist und manchmal sogar wie schlimmste Sprachverhunzung anmutet. Aber gerade die Konsequenz macht es erträglich, weil notwendig, und irgendwann macht es Spaß.

Aber worum geht es? Es geht um den Franz, ein Mann in mittlerem Alter, mit Ehefrau und pubertärer Tochter, die hinter jeden Satz ein Fragezeichen setzt – auch wenn sie keine Fragen stellt. Es geht darum, dass die Linn mit der Ehe unzufrieden ist und einen Weg sucht, die Familie zu retten. Und es geht darum, dass Franz nicht nur mit seiner Ehe, sondern mit seinem ganzen Leben unzufrieden ist, höchst unzufrieden. Doch statt etwas zu ändern, vergräbt er sich in Müdigkeit, Depression, Aggressivität, Ärger … Und so kommt es, dass er einen Autofahrer, der sich in den Stau schieben will, absichtlich ignoriert und einen Unfall herbeiführt, bei dem der andere Fahrer, der Egon, stirbt.

Der Egon hat aber noch eine Mission – und so lauert er dem Franz auf, gerade als er der Linn zuliebe mit ihr gemeinsam an einem Glücksworkshop teilnimmt: The Elevator to HappinessTM. Während die Linn schwer begeistert ist, nicht nur vom Workshop-Programm, sondern auch von Kursleiter Scott, dreht der Franz völlig durch, als er den Geist erkennt. Geister … klare Sache, die gibt’s nicht, also muss mit dem Franz etwas nicht stimmen. Und auch der Egon zweifelt an der Geist-Theorie, er als Physiker glaubt nicht an so einen Quatsch. Aber Fakt ist: Er ist tot, und er ist noch da.

Nach und nach fällt dem Egon auch ein, warum er noch da ist. Er wollte seine große Liebe, die Mali, zurückerobern, nachdem er am Unfallmorgen eine Anzeige zu ihrem 80. Geburtstag in der Zeitung gesehen hatte. Nun muss der Franz mit ihm zusammen zur Mali – doch die liegt plötzlich im Koma. So erfährt sie ja nie, dass der Egon für sie zurückgekommen ist … Nun obliegt es dem Franz, alles zu tun, um die Mali aufzuwecken. Nur so wird der Egon erlöst, und der Franz gleich mit. Denn während er mit dem Egon durch die Stadt fährt, um die Mali zu retten und den Egon zu erlösen, geht die Beziehung zur Linn vollends in die Brüche, außerdem droht er seinen Job zu verlieren und seine Tochter gleich mit.

Die Handlung nimmt mit der Zeit gehörig an Fahrt auf, mit Elementen, die nicht unbedingt jedem im Alltag passieren, aber doch passieren könnten. Wer weiß schon, wie er reagiert, wenn er plötzlich mit einem Geist konfrontiert wird? Und schnell wird klar: Der Glücksfahrtstuhl vom Franz ist so was von defekt, da hilft auch kein Workshop mehr. Da hilft nur Stufe für Stufe mühsam versuchen zu retten, was zu retten ist. Das ist zugegebenermaßen nicht viel.

Was ich schön fand: Obwohl die Protagonisten hoffen, dass ihre Schicksale klischeemäßig miteinander verbunden sind, ist das leider nicht so. Der Egon glaubt fest daran, dass, wenn der Franz die Mali rettet, er auch sich selbst rettet. Aber Fehlanzeige: Das Einzige, was der Franz kann, ist, sich immer weiter in die Scheiße zu reiten – sehenden Auges und besten Gewissens. „Das Glück ist ein Vogerl“ ist ein Roman, der auf Klischees beruht, diese dann aber doch in keiner Weise bedient. Große Gefühle gibt es ebenso wie die kleinen, große Fehler ebenso wie die kleinen, wobei hier nicht kategorisiert wird. Und für ein paar trockene lebenskluge Bemerkungen ist der Egon immer zu haben …

Über die Autorin: Ingrid Kaltenegger (* 1971 in Salzburg, Österreich) studierte Schauspiel in Essen. Sie arbeitete als Schauspielerin, Regieassistentin, Schauspiellehrerin und Stadtführerin, bevor sie 2008 ein Drehbuchstudium in Köln aufnahm. Kurz darauf schrieb sie das Drehbuch zu dem preisgekrönten Kurzfilm „Mann mit Bart“, der auf zahlreichen nationalen und internationalen Festivals vorgeführt wurde. Für ihr Drehbuch „Wilde Kaiser“ bekam sie 2013 den Drehbuchentwicklungspreis der Stadt Salzburg. „Das Glück ist ein Vogerl“ ist ihr erster Roman.

 

 

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