Viet Thanh Nguyen: Der Sympathisant

Ganz großes Kino! Aber zuerst: das Cover! Ich gehöre nicht zu den Bloggern, die Punkte für die Coveroptik verteilen – nur wenn es ganz scheußlich und unpassend ist! Oder ganz großartig – und dieses hier ist großartig und passt auf allen Ebenen zu der Geschichte, inhaltlich natürlich, aber vor allem auch von der Stimmung her. Denn auch wenn die Geschichte, die hier erzählt wird, ernst und dramatisch ist, so ist sie doch gleichzeitig humorvoll und unterhaltsam erzählt.

Ich weiche dieses Mal von der mir irgendwie und irgendwann in Fleisch und Blut übergegangen Reihenfolge Inhalt – Sprache – Fazit ab und beginne mit der Sprache, da ich ja schon mal dabei bin. Wir haben es hier mit einem sehr lebendigen Erzähler zu tun, mit viel Kommentar zum Geschehen und vielen kritischen Anmerkungen, was genau den Reiz dieses Buches ausmacht. Denn es handelt sich nicht einfach um einen Roman, um eine Geschichte, sondern um ein Geständnis – und zwar das Geständnis eines kommunistischen Gefangenen. Immer wieder erfährt der Leser durch kleine Anspielungen, dass es der Lebensbericht von jemandem ist, aber warum und unter welchen Umständen kommt erst am Ende raus und da will ich auch nicht vorgreifen. Fantasievoll, bunt, reich, überbordend und immer mit einem Augenzwinkern, voller Metaphern, Vergleiche und Bildern schildert der Ich-Erzähler sein Leben als Sympathisant der vietnamesischen Kommunisten im Dienste der Geheimpolizei.

Die französischen Kolonialisten sind abgezogen, nicht ohne etliche uneheliche Kinder zurückzulassen, die Amerikaner scheiterten gerade nach vielen leeren Versprechungen daran, das Land nach dem Krieg wiederaufzubauen und ziehen sich ebenfalls aus dem Trümmerhaufen Vietnam zurück. Die Roten rücken unterdes vor – höchste Zeit auch für den General, seinen Stab und seine Familie, in die USA zu fliehen. Zu seinen engsten Mitarbeitern gehört auch der Hauptmann, unser Ich-Erzähler, der nun von den USA aus das Ziel des Generals, Vietnam von den Kommunisten zurückzuerobern, unterwandern soll. Gar nicht so einfach, denn er muss ja verdeckt arbeiten. Ständig dem Misstrauen seiner vermeintlichen Mitstreiter ausgesetzt, muss er falsche Fährten legen, diese dann auch gleich wieder beseitigen (was meist blutig und unschön endet), und ganz nebenbei muss er sein Leben führen: arbeiten, lieben, trinken, leiden.

Und so kommt es, dass wir hier trotz aller Politik und Weltgeschichte aus dem Leben eines Mannes lesen, der gebildet und welterfahren ist, der sich auch nicht scheut, einige Seiten der Hymne an den weiblichen Ausschnitt zu widmen, mit all seiner Doppelmoral und Doppeldeutigkeit. Es sind Szenen wie diese, für die ich dieses Buch immer wieder lesen würde, dann wird der ohnehin sehr abwechslungsreich und unterhaltsam erzählende Autor philosophisch, spöttisch und witzig wie kaum ein Zweiter. Genau mein Geschmack!

Aber eine Posse ist es dennoch nicht. Bei aller (Selbst-)Kritik, die aus den philosophisch-witzigen Szenen herausklingt, bleibt dieser Roman doch tragisch und ernst, geht es immer wieder um die Frage nach gesellschaftlicher/militärischer Pflichterfüllung vs. Selbsterhalt vs. Selbsterkenntnis vs. Seelische Gesundheit vs. moralische Skrupel  … Gerade noch höchst amüsiert über treffsichere, scharfsichtige Pointen, verblasst das Lächeln sehr schnell, wenn er von den Napalm-Bomben aus der Harvard-Experimentierküche  berichtet, von abartigen Verhörmethoden, die die CIA der vietnamesischen Geheimpolizei beibringt usw. Das Private steht hier gleichberechtigt neben dem Politischen.

Viet Thanh Nguyen ist ein Meisterwerk gelungen! So wie der Ich-Erzähler später mit zwei Ichs in seinem Körper leben muss, schlagen in diesem Buch zwei Herzen, sowohl inhaltlich als auch sprachlich, die absolut überzeugend sind und eine unerklärliche, aber wunderbare Symbiose eingehen.

Über den Autor: Viet Thanh Nguyen (* 1971 in Buôn Ma Thuột, Südvietnam) floh mit seiner Familie beim Fall von Saigon 1975 in die USA. Er studierte Englisch und Ethnic Studies an der University of California, Berkeley, wo er auch promovierte. Nguyen arbeitet als Hochschullehrer an der University of Southern California und veröffentlich nebenbei Kurzgeschichten. „Der Sympathisant“ ist sein Debütroman und wurde mit dem Pulitzerpreis und weiteren Ehrungen ausgezeichnet.

Über den Übersetzer: Wolfgang Müller ist ein deutscher Übersetzer, Schauspieler und Synchronsprecher. Er überträgt Autoren wie Robert Harris, Oliver Harris, Joe Hill und viele andere ins Deutsche. Seine Stimme lieht er schon Patrick Swayze, Mickey Rourke, Alec Baldwin und Lucius Malfoy (Harry Potter).

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2 Gedanken zu “Viet Thanh Nguyen: Der Sympathisant

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