Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern

Ein bewegender und wichtiger Roman – mit einem grandiosen Titel, nebenbei bemerkt. Auch wenn es kein neues Thema behandelt, keine neue Geschichte erzählt, so ist doch jedes Buch zum Flüchtlingsthema wichtig, weil es uns daran erinnert, dass da immer noch so viele Menschen sind, die unsere Hilfe brauchen.

„Gott ist nicht schüchtern“ erzählt die Geschichten der jungen Schauspielstudentin Amal und des Arztes Hammoudi. Beide gehören zu den privilegierten Schichten Syriens. Amal ist die Tochter eines reichen Bauunternehmers, die mit der beginnenden Revolution liebäugelt. Hammoudi hat in Paris Medizin studiert, sich mit einer Französin verlobt und kommt nur nach Damaskus zurück, um seinen Pass verlängern zu lassen, um wiederum in Frankreich bleiben zu können. Ironie des Schicksals, dass ihm die Ausreise nun aber verweigert wird und er alles verliert, was er sich in einem fernen Land aufgebaut hat. Das Einzige, was ihn am Leben hält, sind die illegalen Hilfseinsätze als Arzt in seiner Heimatstadt Deir az-Zour, die im Zuge des syrischen Bürgerkriegs von besonders schweren Kämpfen betroffen ist.

Amal unterdessen versucht trotz der zunehmend chaotischen Zustände in Damaskus, ihr Leben fortzuführen. Sie verliebt sich in den jungen Revolutionär Youssef, gemeinsam nehmen sie an Kundgebungen und Aktionen teil – einige davon illegal, andere genehmigt, was das Militär nicht davon abhält, blindlings zu prügeln, zu morden und Geiseln zu nehmen. Auch Amal gerät in die Fänge des allgegenwärtigen Geheimdienstes und kehrt gebrochen zurück. Zeit zu fliehen, das weiß sie, doch die Nachbarstaaten sind nicht erfreut über die syrischen Flüchtlinge. Also bleibt nur ein Ziel: Europa –der Weg dorthin allerdings ist gefährlich …

Machen wir uns nichts vor: Die Bilder von Flüchtlingen im Fernsehen haben uns beim ersten Mal fassungslos gemacht, beim zweiten Mal schon ein bisschen weniger  – und dann nahm unser Mitgefühl von Mal zu Mal ab, und so geht es weiter. Das Leid dieser Menschen ist so fern, ihr Hunger so theoretisch, ihre Angst so unbekannt. Dabei meine ich nicht diejenigen, die ohnehin glauben, dass Flüchtlinge bei uns nichts verloren haben, sondern auch die, die dafür sind, Verfolgte und Bedrohte aufzunehmen. Auch wir stumpfen ab. Deswegen bin ich so froh, dass es Bücher wie dieses gibt, die uns vor Augen führen, wie groß Elend sein kann. Menschen, die von Straßen verschwinden, die einfach in ein Auto gezerrt werden und entweder nie wieder oder als gebrochene Versionen ihrer selbst wieder auftauchen. Menschen, die alles dafür tun, Regierungsbeamte in ihrem Freundeskreis glücklich zu machen, nur für den Fall, dass … Menschen, die sich lieber die Zunge abbeißen, als in der Öffentlichkeit ihre aufrichtige Meinung über das brutale und despotische Staatsoberhaupt zu sagen, weil dadurch nicht nur ihr eigenes Leben in Gefahr ist, sondern auch das ihrer ganzen Familie. Menschen, die sich lieber dem IS anschließen, anstatt weiter einen Präsidenten zu unterstützen, der den Tod aller in Kauf nimmt, um selbst an der Macht zu bleiben. Das klingt für uns wie ein Gruselmärchen, ist absolut unvorstellbar. Aber das ist die Realität für Millionen von Menschen.

Und das Schlimme ist, dass es damit nicht einmal aufhört. Gelingt diesen Menschen die Flucht – und das ist alles andere als wahrscheinlich, dank geldgieriger Menschen, die sogar noch aus Angst und Elend ihren Profit ziehen, um es nett auszudrücken –, warten auf der anderen Seite eine völlig undurchsichtige Bürokratie, Feindseligkeit und Misstrauen.

Die Welt hat eine neue Rasse erfunden, die der Flüchtlinge.

Die junge Autorin Olga Grjasnowa schafft es nicht nur, die schier unvorstellbaren Zustände in Syrien in unseren Horizont zu rücken, sondern auch Hunger, Angst, Schmerzen, Hoffnung, Enttäuschung, Fassungslosigkeit, Scham, Demütigung – Emotionen, die Flüchtlinge und alle Verfolgten dieser Welt tagtäglich erleben.

Über die Autorin: Olga Grjasnowa (* 1984 in Baku, Aserbaidschan) kam 1996 als Flüchtling von Baku nach Deutschland. Sie studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und lebte für längere Zeit in Polen, Russland und Israel, bevor sie Tanz in Berlin studierte. Mit ihrem Debüt „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ wurde sie 2012 schlagartig bekannt. Sie lebt mit Mann und Tochter in Berlin.

 

 

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