Christine Wunnicke: Katie

In jeder Hinsicht außergewöhnlich!

Aber was bedeutet das? Erst mal, dass dieses Buch jede Erwartung unterwandert und übertrifft. Autorin Christine Wunnicke greift die Strömung des Spiritismus auf, der sich vor allem im englisch sprachigen Raum ab Mitte des 19. Jahrhunderts großer Beliebtheit erfreute. Die meisten Figuren in ihrem Roman „Katie“ haben tatsächlich existiert, auch die meisten Geschehnisse haben belegbar stattgefunden, wurden jedoch von der Autorin zum Teil recht frei nacherzählt.

Im Mittelpunkt stehen William Crookes – ein britischer Naturwissenschaftler, der beispielsweise das chemische Element Thallium entdeckte und Präsident der Royal Society war –, das Medium Florence Cook und der von ihr „herbeigerufene“ Geist Katie. Historisch belegt ist, dass Florence Cook von William Crookes, der ein Anhänger der Parapsychologie war, begutachtet werden sollte, um Cooks Authentizität und Glaubwürdigkeit nachzuweisen. Tatsächlich konnte Crookes keine Hinweise auf Betrug finden und zertifizierte Florence und ihren Geist als seriös. So weit zu den historischen Fakten.

Im vorliegenden Roman ist es im Grunde ebenso, nur dass uns die Autorin auf eine verwirrende Berg- und Talfahrt in die menschliche Psyche schickt, ohne so richtig klar zu werden. Crookes wird als frustrierter, ahnungsloser, erschöpfter Wissenschaftler geschildert, genervt von seiner Frau, die ständig in Trauer und ständig in anderen Umständen ist und das Haus unsicher macht, überfordert von seinen Experimenten und verzweifelt auf der Suche nach Atomen. Hier sei gleich erwähnt, dass sich die Autorin auf bewundernswerte Weise in die Welt der zeitgenössischen Chemie und Physik eigearbeitet hat und zahlreiche chemische Prozesse erläutert. Ich habe nicht viel davon verstanden, aber es klang gut. Hält Crookes anfangs von der jungen, kränklichen Florence nicht viel, ändert sich das, als er zum ersten Mal Katie begegnet. Letztlich kann man sagen, Florence ist für ihn nur Mittel zum Zweck, um mit dem Geist kommunizieren zu können.

Katie ist für mich denn auch die spannendste „Persönlichkeit“ des ganzen Buches – nicht umsonst wurde es nach ihr benannt. Eigentlich im 17. Jahrhundert geboren und ein Leben lang auf sich allein gestellt, wird sie zu einer harten, kaltblütigen Frau, zu einer Freibeuterin – angeblich ist sie die leibliche Tochter des berühmten walisischen Piraten Henry Morgan –, die ihren Mann und ihr neugeborenes Kind umbringt, die raubt, brandschatzt und mordet, wo sie nur kann. Sie stirbt jung und verbittert … und genießt es, als Geist Katie zurückzukehren und ihr Unwesen zu treiben. So stiftet sie Crookes (fiktiven) Assistenten Pratt zu nächtlichen Streifezügen im Hafen an und auch zu einigen unzüchtigen Handlungen unter der Bettdecke. Sie gibt Crookes Hilfestellungen bei seinen Experimenten, führt Mrs Crookes in ihrem eigenen Haus in die Irre und stellt die Ordnung im säuberlich geführten Haushalt auf den Kopf. Ist also Florence das Medium, um Katie herbeizurufen, ist Katie der Katalysator für die Handlung. Denn immer erst nach ihrem Auftauchen gehen die Dinge voran.

Damals wie heute gibt es übrigens zwei Parteien: die, die an Katies Echtheit glauben, und die, die Florence Cook vorwerfen, selbst als Katie verkleidet aufgetreten zu sein. Zu groß soll die Ähnlichkeit der beiden gewesen sein. Sogar Fotos gibt es von Katie – neben Florence stehend, was lange Zeit als Beweise galt. Nun ja … Zurück zum Roman: Wunnickes Art zu schreiben – in aufwändigen Sätzen, aber nie in klaren Bildern, mit einer etwas wuchtigen Eleganz, ohne Absicht, jedes Detail preiszugeben – erinnert mich an die Schriftsteller der Zeit, über die sie schreibt, an Fontane etwa. Dabei ist auffällig, dass die Figuren zwar untereinander kaum zu Kommunikation fähig sind, aber Katie gegenüber öffnen sie sich plötzlich. Trotz allem kann man nicht sagen, dass es sich hier um einen Roman handelt, der sich um Geister und Parapsychologie dreht, auch wenn das vordergründig das Thema ist, sondern Katie ist das Mittel zum Zweck, um Figuren vorzuführen, die verstört sind, die in Konventionen festhängen und von ihren eigenen Erwartungen erdrückt und gefesselt werden.

Über die Autorin: Christine Wunnicke (* 1966 in München) studierte Linguistik, Altgermanistik und Psychologie in Berlin und Glasgow. Sie arbeitet als freie Autorin für Hörfunksender und veröffentlichte Radiofeatures und Hörspiele. Für ihr umfangreiches Werk erhielt sie ein Literaturstipendium der Stadt München, den Bayerischen Staatsförderungspreis für Literatur 2002 und den Tukan-Preis 2008.

 

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