Lena Andersson: Unvollkommene Verbindlichkeiten

Ein faszinierendes Buch, einem ebenso anziehenden wie frustrierenden Thema gewidmet: unerwiderter Liebe …

Ester Nilsson ist eine kluge, selbstständige und stolze Frau. Sie hat nur einen Fehler, wenn man es so nennen möchte: Sie verliebt sich immer in Männer, die sich nicht in sie verlieben. So auch kürzlich wieder – während der Leseprobe für ihr neues Theaterstück in Stockholm begegnet sie Olof, einem verheirateten Schauspieler, der ein Flattern in ihrer Brust auslöst. Sie lernen sich kennen, die Chemie stimmt, Ester verliert ihr Herz und geht eine Liaison mit Olof ein, die mehrere Jahre dauern soll und weniger leidenschaftlicher Tango ist als komplizierter Tanz: einen Schritt vor, zwei zurück.

Denn während Ester beharrlich auf eine Scheidung Olofs von dessen Frau hofft, jedes freundliche Wort als Beweis einer kurz bevorstehenden glücklichen Zukunft auslegt und jeder Kuss ihr Herz hebt, denkt Olof gar nicht daran, seine Frau zu verlassen. Es genießt stattdessen das Doppelleben zwischen zwei Frauen. Alle sehen es, nur Ester nicht. Denn Ester ist Philosophin, Puristin, hat sich der Wahrhaftigkeit und der Aufrichtigkeit verschrieben. Es ist für sie unvorstellbar, dass jemand sagt, er liebe sie, ohne es auch zu meinen. Denn alles, was sie sagt und tut, ist absolut ehrlich. Für Olof ist sie jedes Opfer zu bringen bereit. Und er doch sicher auch … Denn warum sollte er sie zu einem gemeinsamen Wochenende einladen, wenn er sie nicht liebt, wenn er nicht mit ihr zusammen sein möchte?

Es dauert fast zwei Jahre, bis Ester das zarte Gleichgewicht ihrer komplizierten Beziehung erkennt: Geht sie einen Schritt (meist eher mehr als einen) auf Olof zu, geht er zurück. Zieht sich aber Ester zurück, läuft Olof ihr nach. Der Sommer gehört immer der Familie, und während der Wochen, in denen Olof mit Ehefrau auf dem Land weilt, herrscht Funkstille – mehr als das, jedes Jahr aufs Neue beendet Olof die Beziehung. Erst danach wieder, wenn es kalt und düster wird, holt er Ester in sein Leben zurück. Und Ester ist zu dankbar für seine Aufmerksamkeit und seine Zuwendung, als dass sie ihn ausschließen würde. Jede Verletzung, jede Demütigung ist sie großzügig zu vergessen bereit für ein kleines Lächeln, ein freundliches Wort. Und so tanzen sie Jahr für Jahr einen sich zuspitzenden Reigen …

Weil man Menschen nicht wegen ihrer Perfektion liebt, sondern weil sie etwas ausstrahlen, mit dem man verschmelzen will.

Ein Buch, das sich um gleichermaßen hoffnungsvolle wie enttäuschte Liebe dreht – braucht man das? Macht das Spaß? Oh ja! Denn Ester ist glücklicherweise eine sehr kluge Person, die bei alldem nie ihre Würde verliert, und kein dummes Frauchen, und so ist es alles andere als frustrierend, ihren Gedanken und Gefühlen nachzuforschen,  theoretischen Betrachtungen zu Ehefrauen und Geliebten, zu männlichen Fantasien, zu körperlichen Zugeständnissen, zu dem schönsten aller Gefühle. Und das in einer eleganten, philosophischen, leichtfüßigen und doch bedeutenden Sprache. Ein großartiger Roman, den ich nicht zuletzt für die beeindruckende Übersetzung von Gabriele Haefs schätze!

Über die Autorin: Lena Andersson (* 1970) war professionelle Skiläuferin, bevor sie in Stockholm Englisch, Politikwissenschaften und Deutsch studierte und als Sportjournalistin tätig war. Sie schreibt Literaturkritiken für das Svenska Dagbladet sowie Kolumnen für Dagens Nyheter und lebt als Autorin in Stockholm.

Über die Übersetzerin: Gabriele Haefs (* 1953 in Wachtendonk) studierte Volkskunde, Sprachwissenschaft, Keltologie und Nordistik an den Universitäten in Bonn und Hamburg. Seit den Achtzigerjahren ist sie als Übersetzerin aus dem Norwegischen, Dänischen, Schwedischen, Englischen, Niederländischen und Gälischen tätig. Sie lebt mit ihrem Mann, dem norwegischen Schriftsteller Ingvar Ambjørnsen, in Hamburg.

 

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