Tim Krohn: Herr Brechbühl sucht eine Katze

Dieses Buch ist mehr als ein Buch und auch mehr als ein großartiges Buch. Es ist ein Projekt, das offenbar so viele Menschen anspricht und berührt (zu Recht!), dass man es jetzt schon als vollen Erfolg bezeichnen kann – auch ohne Verkaufszahlen zu kennen. „Herr Brechbühl sucht eine Katze“ ist eine Geschichtensammlung, in der neben den Protagonisten, die alle in einem Zürcher Genossenschaftshaus wohnen und naturgemäß immer wieder aufeinandertreffen, auch Gefühle im Mittelpunkt stehen. Statt Überschriften gibt es Emotionen wie Demut, Eros, Zynismus oder Umsicht: 65 sind es in diesem Band, über 1000 sollen es am Ende sein.

Denn Autor Tim Krohn hat quasi als Hobby über lange Jahre hinweg etwa 1000 Gefühle gesammelt, die den menschlichen Haushalt beschreiben, und bietet seinen Lesern eine Geschichte zu jedem Gefühl an. Geboren wurde die Idee aus Geldnot: Damit seine Mutter bei ihm und seiner Familie, die in einem alten Bauernhaus wohnt, einziehen kann, musste ein behindertengerechtes Bad eingebaut werden. Kostenfaktor: ca. 50.000 Franken. Und wie kommt ein Autor zu Geld? Richtig, indem er schreibt und seine Geschichten verkauft. Also bot er über Crowdfunding persönliche Geschichten an. Für 250,- Franken aufwärts (Maximum sind 5.000 Franken – dazu gehört dann auch ein einwöchiger Schreibkurs samt Abschlusslesung mit Freunden und 5 signierte Exemplare des Buches, in dem die gekaufte Geschichte enthalten ist) kann nun jeder ein Gefühl kaufen und zusätzlich zwei bis drei Wörter vorgeben, die er gern in der Geschichte hätte. Wenn Interesse besteht, es sind noch Gefühle frei – Erlösung zum Beispiel oder Koketterie –, auch wenn das Bad längst finanziert und eingerichtet ist: www.menschliche-regungen.ch

Nun aber mal zum Buch selbst: 65 Emotionen aka 65 Geschichten sind hier versammelt, die sowohl für sich stehen als auch einen Seriencharakter tragen. Der titelgebende Protagonist Hubert Brechbühl mischt im genossenschaftlichen Wohnen fleißig mit, ebenso wie die Studenten Pit und Petzi, die allein erziehende Mutter und Lektorin Julia Sommer mit ihrer vierjährigen Tochter Mona, die Schauspielerin Selina, der Student Moritz, die Senioren Erich und Gerda Wyss und die Costas – er Rettungsfahrer, sie berufsunfähig aufgrund eines Bandscheibenvorfalls. 11 Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Ich bin sehr froh über den Seriencharakter der Geschichten, da mir fast alle Protagonisten so ans Herz gewachsen sind, dass ich es kaum erwarten kann, zu erfahren, wie es ihnen weiterhin ergeht. Denn als wäre Tim Krohns Projekt nicht schon ambitioniert genug, schafft er es nicht nur, Gefühle abzubilden, sondern auch gesellschaftliche Probleme klug, kritisch und doch unterhaltsam darzulegen.

Julia Sommer beispielsweise ist eine hingebungsvolle allein erziehende Mutter und in Teilzeit berufstätig. Ihre Kollegen jedoch setzen sie unter Druck, mehr zu arbeiten, mehr zu Hause nach Feierabend zu machen, besser zu sein, weil sie sonst ersetzt wird. Schließlich gehe es dem Verlag finanziell nicht gut … Der wirtschaftliche Druck des Unternehmens wird ausgerechnet auf ihren Schultern abgeladen.

In unserer profitsüchtigen Gesellschaft ist es idealistisch genug, überhaupt ein Kind großzuziehen. Als alleinstehende Frau ist es ein Wahnsinn.

Neben dieser immer wieder auftauchenden Thematik geht es auch um würdevolles Altern: Erich und Gerda Wyss sind alt, Gerda schon körperlich beeinträchtigt, aber sie werkeln vor sich hin und sind zufrieden. Nach einem Sturz von Erich wird das Leben der zwei auf den Kopf gestellt. Erich kehrt kurz danach aus dem Krankenhaus zurück und ist auch körperlich nicht sehr mitgenommen, doch die Psyche – hier hat sich für beide etwas geändert: Erich ist unsicherer, die Sterblichkeit ist ihm bewusster geworden, Gerda liebt ihn mit seiner neuen Schwäche, in der sie sich ihm näher fühlt, noch mehr. Sie sind gezwungen, sich damit zu beschäftigen, was geschieht, wenn einer von beiden nicht mehr ist oder beide Hilfe brauchen. Welche Alternativen zur eigenen Wohnung gibt es? Eine Erkundungstour durch die städtischen Seniorenheime ist ernüchternd. So, wie man keine Kinder bekommen sollte, sollte man am besten auch nicht alt werden …

Aber nicht alle Geschichten und Lebensfragen sind so „schwer“. Pit und Petzi, zwei Studenten, gerade erst bei den Eltern ausgezogen und in ihrer ersten Beziehung, genießen das Leben – vor allem Pit, der seine Sexualität auf sehr aktive Art entdeckt. So aktiv, dass sich die Hausbewohner beschweren und sogar Petzi genervt und frustriert ist. Erst als sie Moritz kennenlernt, der sich stets mit allem und nichts beschäftigt, entdeckt sie eine neue Art von Erotik: Wenn man nur mit Blicken Sex haben kann, wie würdest du schauen? Und wie würdest du dich anschauen lassen? Aus solchen Fragen ergibt sich vor allem für die Beziehung von Pit und Petzi eine ganz neue Dynamik.

Die findet auch Selina, als sie nach einer Begegnung mit einem Maskenbauer ihrer eigenen Seele begegnet und fortan alles tut, den Kontakt mit sich selbst und ihrem Inneren nicht mehr zu verlieren – auch wenn das bedeutet, lukrative Rollenangebote auszuschlagen und den Regisseur allein auf einer verschneiten Alm sitzenzulassen.

Für den Fall, dass es noch nicht deutlich wurde: Ich bin begeistert! Tim Krohn hat ein so lebenskluges Buch geschrieben (dem glücklicherweise weitere folgen werden), das aus einer kreativen Idee geboren ist, das ein gesellschaftliches Panorama darstellt mit allen großen, kleinen, wichtigen und kritischen Fragestellungen des Lebens, das von intelligenten Dialogen und abwechslungsreichen Ideen aus Philosophie, Politik, Weltanschauung, Esoterik und vielen weiteren Bereichen lebt, das von authentischen, sehr nachvollziehbaren Figuren geprägt ist und das so mitreißend und klug geschrieben ist, dass ich es jedem nur wärmstens ans Herz legen kann. Wer dieses Buch weglegt, ohne berührt zu sein, der muss dringend seine Gefühlswelt überprüfen lassen. Vielleicht kann der dann eine Emotion bei Tim Krohn kaufen …?

Über den Autor: Tim Krohn (* 1965 in Wiedenbrück, Nordrhein-Westfalen) wuchs im schweizerischen Glarus auf und studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft. Er lebt als freier Autor von Romanen und Theaterstücken mit seiner Familie in Santa Maria Val Müstair und erhielt bereits zahlreiche Auszeichnungen, etwa den Kulturpreis des Kantons Glarus oder den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis. Mit Vrenelis Gärtli gewann er 2007 die Wahl zum besten Schweizer Buch.

Weitere Infos zu diesem Projekt gibt es auch hier.

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