Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen

Auch wenn man bei dem Titel anderes vermuten könnte, dies ist ein Roman, kein Sachbuch. Einer, der aufrüttelt und aufmerksam macht, und zwar hoffentlich länger, als die Lektüre dauert.

 

Auf drei Zeitebenen, 1852, 2007 und 2098, erzählt Maja Lunde vom jeweiligen Stand im Leben von Menschen und Bienen. Überraschend ist – für viele vielleicht nicht, für mich schon –, wie eng die Schicksale von Menschen und Bienen miteinander verknüpft sind. Hat William Savage im Jahr 1852 noch die Gelegenheit, sich ausgiebig der Bienenerforschung zu widmen, sind George und seine Zeitgenossen gut 150 Jahre später schon mit dem massenhaften Sterben der kleinen Tiere konfrontiert. Kein Honig, keine Bestäubung mehr, natürlich, das fällt uns allen sofort ein. Was das aber wirklich bedeutet, erfahren wir, wenn von Tao im Jahr 2098 erzählt wird.

Die Chinesin gehört zu den wenigen Menschen der Erde. Europa und Amerika sind quasi ausgerottet – Pflanzenschutzgifte und Insektizide haben zum Sterben von Bienen und Wildbienen geführt, der Klimawandel und die Monokulturen in der Landwirtschaft als Folge der menschlichen Überbevölkerung haben ihr Übriges dazugetan. Plötzlich gibt es keine Äpfel mehr, keine Zwiebeln, Karotten und Nüsse. Ein paar Jahrzehnte später, wenn Vorräte aufgebraucht, Krisenpläne gescheitert sind und sich die Lage weiter verschärft hat, kommt es auch in der Fleischproduktion zu drastischen Einschnitten, denn keine Pflanzen – kein Fleisch. Und auch keine Milch. Und überhaupt keine Pflanzen, aus denen Treibstoffe hergestellt werden können. Keine Autos, keine Flugzeuge … Keine moderne Forschung mehr, keine Innovationen.

Arbeitsplätze fallen weg, gleichzeitig werden Lebensmittel teurer … die menschliche Bevölkerungskurve stagniert. Und nur China ist in Maja Lundes Zukunftsvision fähig, auf Handbestäubung umzustellen. Nur hier sind die Menschen arbeitswillig genug, täglich 10 Stunden und mehr feinste Blüten mit Pollen zu bestäuben, Jahr ein, Jahr aus, streng organisiert und überwacht.

Es ist keine schöne Zukunftsvision, die hier vorgestellt wird, aber doch eine sehr realistische, denn „Die Geschichte der Bienen“ beruht auf wahren Tatsachen. Einer der aktuell gefährlichsten Auslöser für das globale Bienensterben, den auch Maja Lunde benennt, ist die Varroamilbe. Daneben gibt es aber etliche weitere, zu denen auch Gentechnologie und Pestizide gehören. Neben den düsteren Aussichten widmet sich Lunde aber auch sehr liebevoll dem kleinen Wunderwerk Biene: der sozialistisch organisierte Staat, die Freuden und Herausforderungen der Imkerei, die rätselhafte Schönheit des Bienentanzes.

Ihre Botschaft verknüpft Lunde mit dem Schicksal dreier Menschen: dem Wissenschaftler ohne Leidenschaft, dem Imker ohne Bienen, der Mutter auf der schuldbewussten, verzweifelten Suche nach Antworten. Immer geht es um die empfindliche Eltern-Kind-Beziehung, um Hoffnungen, Erwartungen, Verlust, um eine Harmonie, die viel zu schnell zerstört werden kann. Wie einfühlsam die Autorin ihre Figuren entwickelt hat, hat mich ebenso überzeugt wie ihr eindringlicher Appell und die immanente Spannung, die „Die Geschichte der Bienen“ dank ihrer geschickten und bewährten Erzähltechnik fast schon zum Page-Turner werden lässt. Dabei erzählt sie direkt und schnörkellos, ohne sich allzu lange mit sprachlich-ästhetischen Überlegungen aufzuhalten – das einzige Manko dieses Buches aus meiner Sicht.

Dennoch sollte es zur Pflichtlektüre werden. Danach weiß vielleicht jeder die kleinen schwarz-gelben Flieger zu schätzen, schlägt nicht nach ihnen, wenn sie um einen herumsurren, sondern freut sich über sie, denn sie sind auch unsere Zukunft und unersetzbar für eine gesunde Erde und Umwelt. Der Roman wurde  mit dem Bokhandlerprisen, dem Norwegischen Buchhändlerpreis, ausgezeichnet. Auch eine Verfilmung ist bereits in Arbeit.

Über die Autorin: Maja Lunde (* 1975 in Oslo, Norwegen) ist eine bekannte Kinder- und Jugendbuch- sowie Drehbuchautorin. Ihr erster Roman für Erwachsene stand monatelang auf den norwegischen Bestsellerlisten und sorgte international für Furore.

Über die Übersetzerin: Ursel Allenstein (* 1978 in Frankfurt am Main) studierte Skandinavistik, Anglistik, Germanistik und Neuere deutsche Literaturwissenschaft in Frankfurt am Main und Kopenhagen. Sie lebt als freie Übersetzerin in Hamburg und überträgt u. a. Joakim Zander, Michael Hjorth und Hans Rosenfeld ins Deutsche.

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