Han Kang: Die Vegetarierin

In die Kategorie „Skurrilste Bücher“ gehört definitiv dieser Roman. Bereits 2007 in Südkorea veröffentlicht, hat er acht Jahre gebraucht, um in Europa anzukommen, und ein weiteres, um auch in Deutschland wahrgenommen zu werden.

Es geht um Yong-Hye, eine junge Frau, die in allen Belangen eher Durchschnitt ist, wie ihr Ehemann findet, bis zu diesem einen Tag, an dem sie beschließt, ab sofort vegan zu leben. Der Titel ist hier etwas irreführend, denn schon am nächsten Morgen verbannt sie alle tierischen Produkte vom Speiseplan und aus ihrer Küche. Aus einer patriarchalischen Familie kommend und auch in einer solchen Ehe feststeckend, muss sie mit dem Widerstand ihres Mannes rechnen, und auch ihre Eltern, ihre Schwester und ihr Bruder samt Familien heißen ihre Entscheidung nicht gut. Das Problem ist aber nicht, dass sie fortan alles anekelt, was mit Fleisch zu tun hat, selbst ihr eigener Körper und der ihres Mannes, sondern dass sie abmagert. Als ihre Familie sie mit Gewalt zwingen will, Fleisch zu essen – teils aus Sorge, teils aus Wut über ihre Gehorsamsverweigerung –, greift Yong-Hye zu einem drastischen Mittel …

Der Roman ist in drei Abschnitte unterteilt – jeder wird aus einer anderen Perspektive erzählt. Von Yong-Hyes Mann, von ihrem Schwager und ihrer Schwester. Sie selbst aber darf nur höchst selten zu Wort kommen, nämlich wenn sie uns ihre abscheulichen Träume schildert, die sie dazu bewogen haben, auf Fleisch zu verzichten und selbst in Form ihres eigenen Körpers nichts mehr mit Fleisch zu tun haben zu wollen. Durch die Erzählstrategie schafft es der Leser auch nie, an die Figur heranzukommen. Wir erfahren immer nur von außen, wie sich ihr Leben und ihr Verhalten auf ihre Familie auswirken, wie sie ein besonderes Verhältnis zu ihrem eigenen Körper entwickelt, wie sie ihren Schwager zu eigenwilligen Kunstwerken inspiriert. Doch warum sie tut, was sie tut, bleibt unklar.

Faszinierend ist die Entstehungsgeschichte des Romans:  Ursprünglich wurden die drei Abschnitte getrennt voneinander als Geschichten in Zeitschriften veröffentlicht, beginnend mit dem zweiten, der in meinen Augen auch der inhaltlich stärkste und ansprechendste ist, obwohl die Schreibweise in diesem besonders hölzern und ungelenk ist. Die anderen Teile schwanken zwischen erstaunlicher Lockerheit und eben diesem etwas ungelenken Stil. Aber zweifelsohne ist dies kein Buch, das man wegen der raffinierten Sprache liest, sondern wegen des wirklich ungewöhnlichen Inhalts, auch wenn dieser einige Fragezeichen aufwirft.

Ich bin sehr froh, diesen Roman in einem kleinen Lesekreis diskutiert zu haben, denn so kann ich hier mal verschiedene Leseeindrücke wiedergeben, von denen mich einige sehr überraschten: Mir selbst blieb die Hauptfigur sehr fremd, die Einzige, der ich emotional etwas näher kam, war ihre Schwester, um die es im dritten Teil geht (auch wenn die Autorin hier heftig zwischen verschiedenen Zeitebenen hin- und herspringt, was das Verständnis erschwert). Yong-Hyes Mann ist ein furchtbares, egoistisches Ekel, der auch für ein Stück Holz kaum weniger Gefühle haben könnte und der leider alle noch so geringen Erwartungen erfüllt. Meine Mitleser hingegen empfanden Yong-Hye zum Teil als sehr starke Figur, die ihrem Weg unbeirrbar folgt bis zum dramatischen Finale. Wieder andere sahen in ihr hingegen eine stark traumatisierte Frau, die ausgenutzt und missbraucht wird, bis sie nur noch einen Ausweg sieht.

So richtig kann ich hier keine abschließende Deutung dieses wirklich eigenwilligen Romans anbieten, was ihn umso spannender macht.

Über die Autorin: Han Kang (* 1970 in Gwangju, Südkorea) studierte an der Yonsei University in Seoul Koreanische Literatur. Nachdem sie als Journalistin und Schriftstellerin bekannt und vielfach mit heimischen Preisen ausgezeichnet wurde, erhielt sie 2007 den Man Booker International Prize für „Die Vegetarierin“. 2010 wurde der Roman verfilmt.

Über die Übersetzerin: Ki-Hyang Lee (* 1967 in Südkorea), studierte in Seoul, Würzburg und München. Sie ist Übersetzerin aus dem Koreanischen und seit 2011 Verlegerin des Märchenwald Verlags München.

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Ein Gedanke zu “Han Kang: Die Vegetarierin

  1. Vielen Dank für deine tolle Rezension!
    Mir war das Buch ehrlich gesagt nicht skurril genug. 🙂 Es fängt sehr spannend an und auch der Klappentext verheißt ja Einiges in dem Sinne: Sie ist total durchschnittlich und dann wird sie Vegetarierin und alles wird anders.
    Eigentlich kam es mir aber so vor, dass sie eine gestörte Persönlichkeit hat (kein Wunder bei dem Vater und dem Ehemann) und diese bricht sich eben eines Tages Bahn und ab da geht es mit ihr abwärts, weil sie sich in ihren Wahn hineinsteigert.
    Mir ging es ähnlich wie dir, den Ehemann fand ich unerträglich, die Geschichte des Schwagers fast am spannendsten und die Schwester war die einzige Person, die mich ein bisschen erreicht hat.
    Ich fand das Buch also nicht schlecht, kann es aber nicht uneingeschränkt empfehlen. 🙂

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