Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

Lobeshymnen über Lobeshymnen – und ich stimme ein!

Meine Erwartungen an dieses Buch waren enorm hoch – eben wegen der bereits genannten internationalen Lobeshymnen, und ich bin sehr glücklich, dass meine Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern weit übertroffen wurden: „Ein wenig Leben“ rangiert unter den besten Büchern, die ich je gelesen habe, ganz weit oben!

Am Anfang dachte ich, es ginge um die Freundschaft zwischen vier Männern – das hat mir das massive Marketing weisgemacht. Und tatsächlich geht es um diese Freundschaft, aber natürlich noch um viel mehr. Malcolm, JB, Willem und Jude lernen sich auf dem College kennen, vier Jungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, die aus verschiedene Milieus kommen und verschiedene Ziele verfolgen: Malcolm, unsicher und im Schatten seiner erfolgreichen Schwester stehend, stammt aus reichem Elternhaus und will Architekt werden. JB ist Künstler und reichlich egozentrisch, stets verhätschelt von Mutter, Großmutter, Tanten; er glaubt, das Glück stehe ihm mehr zu als allen anderen. Willem, der Schauspieler, kommt aus dem mittleren Westen, seine in der Landwirtschaft hart arbeitenden Eltern stammen aus Schweden und haben vor Willem schon zwei Kinder verloren, sein älterer Bruder ist körperlich und geistig schwer behindert. Und dann ist da noch Jude – Jude, der sich letztlich als Hauptfigur entpuppt und anfangs doch so unauffällig ist. Wir wissen nicht viel über ihn, genau wie seine Freunde, weil er sich in Schweigen hüllt. Doch wir alle ahnen, dass unter diesem Schweigen etwas Unheilvolles lauert, und es wird mehrere Hundert Seiten dauern, bis wir erfahren, was es ist, und noch einmal mehrere hundert Seiten, bis wir wirklich alles wissen – letztlich mehr, als erträglich ist.

Die fast tausend Seiten dieses Romans schlagen einen Bogen von den frühen 20ern der Protagonisten bis in ihre 50er. In 30 Jahren verwandeln sie sich von chronisch mittellosen, hungrigen Studenten in erfolgreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, als Star-Architekt, Bildender Künstler, Schauspieler und Anwalt. Anfangs bin ich der Autorin auf den Leim gegangen – es beginnt alles so heiter und harmlos … Beim Kennenlernen haben wir Zeit, Yanagiharas elegante und klare Sprache zu genießen, die so eindringlich ist, dass mich selbst die kleinste Schilderung von Hunger, Angst oder Glück berührte. Wir haben Zeit, ihre genaue Beobachtungsgabe psychischer Vorgänge zu bewundern und den eloquenten Ausdruck von Gefühlen und Bedürfnissen, die unweigerlich zu Selbstreflexion führen. Denn alle Figuren befinden sich in einem permanenten Reflexionsmodus.  Bin ich, wie ich sein sollte? Tue ich das Richtige? Ist Richtig falsch und Falsch richtig, auch wenn es sich anders anfühlt? Bei diesen Fragen geht es nicht darum, was universell richtig oder falsch ist (also kein erhobener Zeigefinger), sondern nur darum. Was ist richtig für die Freundschaften, die sie pflegen? Dabei schrecken sie auch vor den negativen Seiten an sich selbst nicht zurück, sie sind zu sich und uns Lesern sehr ehrlich und schonungslos. Hier gibt es kein Beschönigen, wenn JB feststellt, dass er sich sein eigenes Glück mehr wünscht als das seiner Freunde, keine Ausflüchte, wenn Malcolm einen seiner Freunde den gehässigen Kommentaren JBs zum Fraß vorwirft, um die eigene Haut zu retten. So kommt Yanagihara richtig in Fahrt und bereitet uns auf das vor, was kommt: Judes Schicksal.

Der Missbrauch, den Jude in so ziemlich jeder Hinsicht, die dieses Wort beinhalten kann, als Kind erleiden musste, hat Spuren hinterlassen. Schwere Rückenverletzungen gestalten das Gehen zu einer schmerzhaften, ungelenk aussehenden Angelegenheit, vor körperlicher Nähe schreckt er zurück, er ritzt sich permanent und tief und wittert immer und überall Gewalt und Verrat. Die Ausführlichkeit und Genauigkeit, die die Autorin von Anfang an auszeichnen, werden hier auf die Spitze getrieben. Bei manchen Schilderungen hat sich ein dicker Knoten in meinem Magen gebildet, so unbarmherzig und quälend sind das, was Jude angetan wurde und was er sich in der Folge sein Leben lang selbst antut, und Yanagiharas Beschreibungen dessen. Sie zieht den Leser mitten hinein in diese Gewaltorgie, die keineswegs vulgär ist, sondern sehr, sehr intensiv. Dafür wurde sie kritisiert – doch warum? Missbrauchte Kinder sind ja kein Novum in Gesellschaft und Literatur, aber diese bis ins Kleinste gehende Ausformulierung von Schmerz und Qual, von menschlichen Abgründen bei Tätern und Opfern ist mutig. Ihre Sprache bleibt dabei stets elegant, respekt- und würdevoll, geht nie unter die Gürtellinie. Was also soll falsch daran sein? Im Gegenteil ist es das, was dieses Buch so besonders macht: Der Leser darf bei diesem Buch nicht außen vor bleiben, denn auch bei diesem Thema darf niemand außen vor bleiben – und so hat die Autorin eine Leseerfahrung erschaffen, die an Intensität kaum zu überbieten ist. Das Buch greife einen körperlich an, habe ich in einem Kommentar gelesen – und ja, so ist es. Und das ist auch gut so.

Und was auch gut ist: Nicht nur das Schlimme an diesem Buch ist intensiv. Neben Trauer, Wut, Hilflosigkeit, Mitleid, Betroffenheit, Fassungslosigkeit gibt es auch viel Liebe, Freundschaft, Vertrauen und Glück. Auch für Jude. So wie uns all der Schmerz angreift, heilt uns das Gute in diesem Roman.

Ich glaube, der Trick bei Freundschaften besteht darin, Menschen zu finden, die besser sind als man selbst – nicht klüger, nicht cooler, sondern liebenswürdiger und großzügiger und nachsichtiger –, und sie dann für das wertzuschätzen, was sie dir beibringen können, und ihnen zuzuhören, wenn sie dir etwas über dich sagen, ganz egal wie schlecht – oder gut – es ist, und ihnen zu vertrauen, was der schwierigste Teil ist. Aber auch der beste.

Es geht in „Ein wenig Leben“ nicht nur um Gefühle, sondern auch um Bindungen, ganz vordergründig um Freundschaft, aber auch um die Eltern-Kind-Beziehung oder vorrangig homosexuelle Liebe. In dem Roman, aber auch in Interviews und Lesungen betont sie, dass es für sie keine Rangfolge von Liebe gibt. Nicht erst die Eltern-Kind-Liebe, dann die romantische, dann die Freundschaft. Jede Beziehung sei wertvoll, sagt sie, doch in ihrem Buch kommt raus, dass letztlich die Freundschaft für sie die höchste Form der Liebe ist. Warum habe sie sich gerade für Männerfreundschaften entschieden, wurde sie auf der Lesung im Münchner Literaturhaus gefragt. Weil Männer sich anders ausdrücken, weil sie anders über Gefühle sprechen. Will eine Frau ihrer Freundin sagen, dass sie sie lieb hat, sagt sie: Ich habe dich lieb. Die andere erwidert das (im Idealfall), und alles ist wunderbar. Ein Mann kann das so nicht kommunizieren (wir gehen von Durchschnittsmännern und -frauen aus, Ausnahmen gibt es natürlich). Die gesellschaftlichen Konventionen und Schranken greifen hier. Yanagihara wollte in ihrem Roman ausloten, wie jemand, der keine Worte für seine Gefühle findet, diese doch zum Ausdruck bringt. Das ist ein generelles Thema, aber natürlich auch wieder in Judes Extremfall auf die Spitze getrieben. Denn über die gesellschaftlichen Schranken hinaus hat Jude ganz intime, letztlich pathologische Gründe für seine Sprachlosigkeit.

Sehr beeindruckt hat mich, wie bewusst und bedacht die Autorin an ihr Manuskript herangegangen ist. Sie hat die Figuren in vollem Bewusstsein ihrer Geschichte und der Wirkung mit bestimmten Eigenschaften und Geschichten ausgestattet. Bei Jude ging es ihr beispielsweise darum zu zeigen, wie ein Mensch sich entwickelt, wenn ihm als Kind grundlegende Rechte verweigert werden, etwa das auf Eigentum, auf Gefühle und deren Ausdruck. Aber, so sagte sie, zwei fundamentale emotionale Eigenschaften hat sie ihm gelassen, wenn auch sonst nicht viel: Er kann lieben und geliebt werden. Und auch wenn sich hier viel um die Liebe in ihren vielfältigen Formen dreht, propagiert sie nicht, dass diese alles heilen kann. Auch die Liebe scheitert manchmal angesichts des Grauens, das Menschen Menschen zufügen.

Da ich nun viel über die Autorin und ihre Großartigkeit geschrieben haben, möchte ich zum Schluss noch den Übersetzer loben. Ich habe die englische Originalfassung nicht gelesen, aber ich weiß auch so, dass Stephan Kleiner einen großartigen Job gemacht hat. Vielen Dank an Autorin und Übersetzer für dieses unglaubliche Buch!

Über die Autorin: Hanya Yanagihara (* 1975) ist hawaiianisch-asiatischer Abstammung und arbeitet als Redakteurin beim Style-Magazin T der New York Times. „Ein wenig Leben“ ist ihr zweiter Roman, ein absoluter Überraschungsfolg. Er gewann den Kirkus Award und stand auf den Shortlists für den Man Booker Prize, den National Book Award und den Baileys Prize. Ich hoffe, da kommen noch weitere Auszeichnungen dazu, denn dieses Buch hat es mehr als verdient! Eine Verfilmung ist in Vorbereitung.

Über den Übersetzer: Stephan Kleiner (* 1975) ist freier Lektor und Übersetzer. Er überträgt unter anderem T. C. Boyle, Michel Houellebecq und Hilary Mantel ins Deutsche.

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Ein Gedanke zu “Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

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