Gerard Donovan: Winter in Maine

Angesichts des Wetters erschien mir dieses Buch sehr reizvoll – und nun bin ich froh, nicht in Maine zu leben, sondern im beschaulichen München.

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Die Handlung ist schnell erzählt: Julius Winsome lebt allein in einer Hütte in einem Wald in Maine, hoch im Norden der USA, kurz vor der kanadischen Grenze. Und mit Wald meine ich keinen romantischen Mischwald wie bei uns, sondern Wildnis – dunkel, tief, gefährlich, unberechenbar. Mit vielen wilden Tieren. Und wo Tiere sind, sind auch Jäger, zumindest in Maine. Julius führt ein karges, entbehrungsreiches Leben, nur mit seinem Hund Hobbes und Tausenden von Büchern. Gebildet ist Julius ebenso wie sensibel. Und so wirft ihn der Tod von seinem Terrier Hobbes komplett aus der Bahn. Schließlich war der kleine Hund sein Gefährte, sein Freund und der Einzige, der zwischen ihm und der Einsamkeit stand.

Die Diagnose des Tierarztes bestätigt seine schlimme Vermutung: Hobbes wurde nicht Opfer eines Unfalls, sondern gezielt erschossen, aus kurzer Entfernung. Von nun an ist in Julius‘ Leben alles anders, denn er schwört sich, den Täter nicht ungeschoren davon kommen zu lassen, und macht sich selbst auf die Jagd … Eine völlig neue Erfahrung für ihn, wenn auch in der Theorie mit reichlich Wissen ausgestattet ist. Sein Vater und sein Großvater waren im Krieg, im Ersten Weltkrieg, im Zweiten Weltkrieg und in zahlreichen „kleineren“ dazwischen. Mit dem Scharfschützengewehr, das sein Großvater von einem englischen Soldaten am Ende des Ersten Weltkriegs geschenkt bekommen hat, beginnt Julius nun seine tödliche Mission.

Was ist das für ein Buch? Es klingt wie ein Thriller, ist aber ein Roman ohne reißerische Spannung, ohne actiongeladene Story, sogar ohne allzu viel Blutvergießen. Völlig ruhig berichtet Autor Gerard Donovan von diesem Mann, der mit seinen eigenen Gefühlen nicht viel anfangen kann, der, so sagt er selbst, viel zu viel von seinen Gefühlen spricht, wenn es gerade unangemessen ist, aber kein einziges Wort rausbringt, wenn es gefragt wäre. Mit viel Einfühlungsvermögen und psychologischer Beobachtungsgabe erzählt Donovan von den spärlichen Momenten, in denen Julius geliebt hat, aufrichtig und hoffnungsvoll, es aber einfach nicht sagen konnte. Und genauso kann er auch nicht über seine Trauer sprechen, obwohl er ebenso tief trauert, wie er einst geliebt hat.

„Winter in Maine“ ist ein düsteres, schweres Buch, das den Leser in die traurigen, beängstigenden Abgründe eines einsamen Mannes hinabzieht und nicht so schnell wieder entlässt, das Psychogramm eines Mörders, der sich selbst nie so bezeichnen würde, ein Roman, der perfekt zu seinem Protagonisten passt: still und mit erstaunlich dunklen Seiten.

Über den Autor: Gerard Donovan (* 1959 in Wexford, Irland) studierte Philosophie und Germanistik, später klassische Gitarre. Hierin legte er in den 90ern seinen Master ab und lehrt seitdem an einem College in Long Island. Parallel dazu veröffentlicht er diverse Gedichte, Kurzgeschichten und Romane. „Winter in Maine“ (engl.: „Julius Winsome“) wurde vom Guardian 2008 zum Buch des Jahres gekürt.

Über den Übersetzer: Thomas Gunkel (* 1956 in Treysa) machte eine Ausbildung zum Erzieher und studierte später Germanistik und Geografie. Er überträgt u. a. Paul Auster, Richard Yates und Aiden Chambers ins Deutsche.

Gerard Donovan: Winter in Maine. btb: 2014. Geschenkausgabe, 285 Seiten.

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