Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

Das im Titel erwähnte Leben bezieht sich auf Andreas Egger, einen Mann, der Ende des 19. Jahrhunderts geboren wird und Ende des 20. Jahrhunderts stirbt – und obwohl in diesen knapp 100 Jahren so viel passiert, reichen knapp 200 Seiten aus, um dessen Leben gleichermaßen mitreißend wie ruhig zu schildern.

Er konnte sich nicht erinnern, wo er hergekommen war, und letztendlich wusste er nicht, wohin er gehen würde. Doch auf die Zeit dazwischen, auf sein Leben, konnte er ohne Bedauern zurückblicken, mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen, großen Staunen.

robert-seethaler-ein-ganzes-lebenDas klingt nicht nach dem schlechtesten Leben, ist bodenständig und bescheiden – genau wie Egger selbst. Seine verarmte Mutter stirbt früh, sodass Egger vierjährig in ein kleines österreichisches Alpental kommt. Liebe und Zuneigung werden ihm hier nicht entgegen gebracht, stattdessen warten harte Arbeit und strenge Zucht in der Familie des fernen Verwandten Kranzstockers. Diese zwei Prinzipien begleiten ihn sein Leben lang. Er nimmt jede erdenkliche Gelegenheitsarbeit an, spart sich den Groschen vom Mund ab und ist bald in der Lage, ein kleines Grundstück am Berg zu kaufen. Fruchtbar ist die Erde nicht, aber immerhin seine eigene. Bald findet er auch eine Frau, die er von Herzen liebt, auch wenn ihm die Frauen ein Leben lang ein Rätsel bleiben werden. Und dann kommt der Krieg, dann die Gefangenschaft in Russland. Die Heimkehr ist hart, aber es geht ja immer irgendwie weiter …

Man kann wirklich nicht behaupten, dass Egger ein gesprächiger und gedanklich allzu reger Mensch wäre, was nicht das Schlechteste ist und auch bedeutet, dass Dialoge in diesem Roman eher rar gesät sind. Mit stoischem Gleichmut lebt Egger sein Leben, trotzdem liebt er leidenschaftlich und leidet tief. Er hilft bei der Modernisierung des Touristenverkehrs, nicht weil er ein Fortschrittsfan wäre, sondern weil er als Pragmatiker ja arbeiten und leben muss. Er führt später Touristen herum, nicht weil er sie mag (aber auch nicht nicht mag), sondern weil er deren Geld braucht.

„Ein ganzes Leben“ überzeugt gerade durch die Ruhe und Unaufgeregtheit seiner Erzählweise. Robert Seethaler braucht keine Special Effects, keine erzählerischen Kniffe, keine inhaltlichen Überraschungen, um den Leser tief zu beeindrucken und mitzureißen – es reicht die Geschichte eines Mannes, wie es sie zu Tausenden gibt und gab: still, fleißig und genügsam.  Auch so geht Erzählen.

Über den Autor: Robert Seethaler (* 1966 in Wien) ist ein österreichischer Schriftsteller, Drehbuchautor und Schauspieler. Seine Bücher sind preisgekrönten und auch mit seinen Drehbüchern feiert er regelmäßig große Erfolge. Der Film „Die zweite Frau“ brillierte auf dem Münchner Filmfest. Als Schauspieler ist er aus Theater und Fernsehen bekannt.

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben. Goldmann:  2016. Klappenbroschur, 185 Seiten.

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