Jonathan Safran Foer: HIER BIN ICH

Ein Schwergewicht – mit knapp 700 Seiten ist das nicht nur wörtlich gemeint, sondern auch in jeder anderen Hinsicht, die mir in diesem Kontext einfällt: sprachlich, intellektuell, kulturell … Es gibt bestimmt noch andere. Ich werde nicht so tun, als hätte ich dieses Buch in all seinen Facetten gänzlich begriffen, das wäre sicherlich auch eine Beleidigung für Mr Foer, der immerhin knapp 10 Jahre an diesem Buch und der Verwirrung der Leser gearbeitet hat. Ich werde auch nicht so tun, als hätte mir das Buch in all seinen Facetten gefallen. Aber ich kann sagen, dass es großartig ist und beeindruckend – sehr beeindruckend – und lesenswert.

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Also, worum geht es? Ganz oberflächlich gesehen geht es um Jacob Bloch, wohnhaft in Washington D.C., und seine Familie,  Ehefrau Julia, die drei Söhne Sam, Max und Benji, um Großvater Irv (samt Ehefrau Deborah, die aber außer als Jacobs Mutter keine Rolle spielt), um Urgroßvater Isaac, um den israelischen Cousin Tamir samt Anhang. Es geht um die familiären Probleme, die wirklich immens sind, andererseits nicht größer als bei zahllosen anderen Menschen: Jacob und Julia haben sich in vierzehn Jahren Ehe auseinandergelebt, sind unglücklich und unfähig, auf den jeweils anderen zuzugehen. Sie beschließen die Trennung, was für Julia bedeutet, endlich frei zu sein, für Jacob hingegen eine bloße Theorie, eine Möglichkeit …

 

Außer um die Familie geht es um weltpolitische Ereignisse, die natürlich Einfluss auf die kleine große Welt der Blochs nehmen: Ein immenses Erdbeben erschüttert den Nahen Osten und führt zu Krieg zwischen Israel und seinen Nachbarstaaten. Die Frage: Was darf ein Jude, was darf ein Israeli, ist allgegenwärtig, aber auch die Trennung von Jude und Israeli, von Zugehörigkeit, von Pflicht und Pflichterfüllung.

Worum geht es noch? Graben wir mal etwas tiefer. Was nicht so einfach ist, denn die Hauptfiguren Jacob und Julia entziehen sich mir hartnäckig. Die knapp 700 Seiten sind gut gefüllt mit Analysen, mit tiefgehenden Gesprächen, sogar mit Jacobs „Bibel“, in der er potenziellen Schauspielern erklärt, wie sie sein Leben und das seiner Familie nachspielen müssten, sollte seine Show, an der er seit 10 Jahren schreibt, jemals aufgeführt werden. Warum also verstehe ich sie trotzdem nicht? Jacob und Julia sind besessen von sich selbst. Sie wissen, sie haben ein perfektes Familienleben – so perfekt es eben sein kann, also natürlich nicht perfekt – und sie lieben ihre drei Söhne abgöttisch (zu sehr, um gute Eltern zu sein, laut Julia). Aber das heißt noch nicht, dass sie glücklich sind. Natürlich nicht. Wer ist schon glücklich mit dem, was er hat? Also sucht Jacob sein – rein theoretisches sexuelles – Glück mit einer Assistentin, mit der er anzügliche SMS austauscht. Und Julia flirtet mit Mark, einem frisch geschiedenen Geschäftspartner. Aber wo genau liegt das Problem?

Julia kritisiert, dass Jacob a) feige ist (stimmt), b) unsicher (stimmt), c) niemanden an sich ranlässt (stimmt auch – nicht mal sich selbst). Jacob kritisiert nichts, womit a bis c bewiesen wäre, aber aus Sicht des Lesers, präziser: aus meiner Sicht, ist sie eine nörgelnde, egozentrische, stets unzufriedene Zicke, die froh ist, endlich das Handtuch werfen zu können. Vielleicht bin ich unfair, ich war auch nie verheiratet, geschweige denn 14 Jahre mit einem pubertären Erwachsenen samt drei Söhnen, aber meine Güte, was nervt mich diese Frau! Aber das soll so, schätze ich. Habe ich sie am Anfang gar nicht verstanden, hat sich das geändert, je mehr ich von Jacob und seinen enervierenden Problemen gelesen habe. Vielleicht sind sie zwei ganz normale Menschen (ja, Protagonisten natürlich, ich weiß), voller Fehler und Komplexe und wie jeder unfähig, aus seiner Haut zu schlüpfen.

Aber eines ihrer Probleme besteht definitiv in ihren Gesprächen! Foer kann Dialoge schreiben wie kein zweiter! Meine Güte, die hauen rein. Manche sind einfach genial, andere so perfekt, exakt und genau aus dem Leben gegriffen, dass es viel Beobachtungsgabe und gleichzeitig Abstraktionsvermögen braucht, wieder andere so absurd, dass ich mit vielen Fragezeichen zurückblieb. Und nicht dass wir uns missverstehen: Das ist gut! Das ist Teil des Ganzen! Lest es! Jedenfalls wären Julia und Jacob vielleicht noch zusammen, in einer Parallelversion dieses Romans, wenn sie nicht solche Gespräche geführt hätten, Gespräche, in denen der eine den anderen besser versteht als er sich selbst und das auch ständig demütigend/verletzend/ätzend demonstriert. Gespräche, in denen keiner auch nur ansatzweise Zeit bekommt, sich selbst zu verstehen, ohne ständig eine Pistole in Form des eigenen Versagens auf die Brust gesetzt zu bekommen. Selbst mich als Leser haben diese Dialoge frustriert und traurig gemacht. Wenn Julia also Jacob vorwirft, a) feige und b) unsicher zu sein sowie c) niemanden an sich ranzulassen, könnte sie sich selbst mal fragen, warum das so ist. Ich wäre es auch, wenn ich nur ein Wort mit ihr wechseln müsste.

Natürlich war Jacob das alles aber schon vor Julia – den einzigen Vorwurf, den man ihr machen könnte, wenn man denn wollte, wäre, dass sie ihm nicht hilft, das zu überwinden, im Gegenteil. Jacob ist in einer idealen Welt gefangen, der er von außen zuschauen muss. Er wünscht sich, eine andere, bessere Version von sich  zu sein, als er ist, und verzweifelt und scheitert immer wieder an dieser Einsicht. Hin- und hergerissen zwischen Resignation und überzogenen Ansprüchen an sich und andere (auch an Julia), wird er quasi lebensunfähig. Aber er lebt, also wäre glücksunfähig richtiger.

Sie suchten das Glück, das nicht auf Kosten des Glücks eines anderes ging.

Alle in diesem Buch suchen nach Glück, nicht alle finden es, aber immerhin ein paar auf ihre Art und zumindest für eine Weile. Sogar Jacob ein bisschen, als er feststellt, dass er nicht so viele Mängel hätte, wenn er wie seine Söhne wäre.

Ich überziehe meine Lesezeit, entschuldigt. Nur noch zum Stil, dann komme ich zum Ende: Foer schreibt einzigartig. Mir fällt niemand ein, der vergleichbar wäre, und ich gehe so weit, zu sagen, er hat eine ganz eigene Poetik. Herausstechend sind die vielen Gegensätze, auch wenn er uns kunstvoll erklärt, dass Gegensätze gar nicht sein müssen. Die Aufhebung des Widerspruches ist also sozusagen ein roter Faden in diesem Buch, was es sprachlich und intellektuell zu einer angenehmen Herausforderung macht. Wie eingangs schon gesagt, erhebe ich nicht den Anspruch, alles zu verstehen, zumindest jetzt noch nicht. Es gibt Sätze, auf denen ich lange rumgrübeln könnte (dann würdet ihr aber noch länger auf eine Rezension warten müssen), andere – da bin ich mir sicher – ergeben keinen Sinn, auch wenn ich noch so lange grübele. Aber ist das schlimm? Nein, gar nicht! Es ist Teil des Spieles, Teil des Reizes, der von diesem großen Roman ausgeht.

Über den Autor: Jonathan Safran Foer (* 1977 in Washington D.C.) stammt aus einer jüdischen Familie, die den Holocaust überlebte, was er auch in seinen Romanen thematisiert. Er studierte Philosophie und Literatur an der Princeton University und lebt mit seiner Familie in New York City. Seine Romane „Alles ist erleuchtet“ und „Extrem laut und unglaublich nah“ begeisterten Kritiker und Publikum und wurden verfilmt.

Über den Übersetzer: Henning Ahrens (* 1964 in Peine) studierte Anglistik, Geschichte und Kunstgeschichte in Göttingen, London und Kiel. Er schreibt selbst Romane (zuletzt erschien „Glantz und Gloria“) und übersetzt u. a. Richard Powers, Hanif Kureishi und Khaled Hosseini.

Jonathan Safran Foer: Hier bin ich. Kiepenheuer & Witsch: 2015. Hardcover, 683 Seiten.

 

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