Shumona Sinha: Kalkutta

Unter dem Titel steht „Roman“, und das ist es auch, aber gleichzeitig sind es 100 und mehr Geschichten aus Indien …

shumona-sinja-kalkuttaAls Trisha nach langer Zeit in Frankreich nach Kalkutta zurückkehrt, geschieht es nur aus einem Grund: der Beerdigung ihres Vaters. Sie kommt zurück nach Hause, in das Haus, in dem sie aufwuchs, in dem sie so viel lernte – über sich, über ihre Familie, über das Leben. In jedem Winkel lauern Geschichten und Anekdoten, Erinnerungen, Träume und Albträume.

Da war ihre Mutter – mittlerweile schon lange von ihrem Vater getrennt –, die stets unnahbar war, scheinbar ohne Gefühle für ihr einziges Kind. Als depressive junge Frau, die sie war, hatten die Eltern schon jede Hoffnung für sie, einen Mann zu finden, aufgegeben. Bis Trishas Vater kam, den sie verehrten und gleichzeitig verachteten, weil er der vermeintlichen Schwäche nachgab und sie heiratete. Ihr Leben lang lechzte ihre Mutter nach der Aufmerksamkeit ihrer Familie, nur um zu fliehen, wenn sie sie bekam.

Da war ihr Vater, natürlich: stark, ambitioniert, gebildet, intelligent. Das große Vorbild für Trisha, die Konstante in ihrem Leben, der aber auch einige Fragezeichen hinterließ.

Und da war ihre Großmutter mit ihren vielen Märchen. Auch sie stark und unabhängig, eine der wenigen Frau jener Zeit, die sich und ihre Kinder allein durchbrachte, die sich nicht den Konventionen beugte. Sie vergöttert ihren jüngsten Sohn, Trishas Vater, und folgt ihm überall hin, ob in ein Leben ohne Religion oder in eine Ehe mit einer kalten, verwirrten Ehefrau.

Da waren aber auch – weniger konkret – die Gesellschaft, die Politik, die Präsidentin, die nicht vor dem Vergießen von Blut zurückschreckte, wenn sie dadurch ihre Ziele erreichte. Trishas Vater war ein Anhänger der Kommunisten und dadurch ständig in Gefahr.

Trisha kann keinen Schritt in dem alten Haus tun, ohne von Erinnerungen gerade weggespült zu werden. Die schönste Geschichte, die mir lange im Gedächtnis bleiben wird, ist die von Ashanti – einer der Vorfahrinnen von Trishas Großmutter, eine Tänzerin und eine Baiji. Sie rang um das Herz des Fürsten, in dessen Haus sie lebte – ein ewiger Kampf zwischen Liebe, Leidenschaft und Dominanz. Bis sie gewann – und alles verlor.

Wenn also „Roman“ auf dem Buch steht, stimmt das schon, es ist eine zusammenhängende Familiengeschichte, aber gleichzeitig sind es Geschichten über Indien, über die Vergangenheit, über den Zeitgeist, über die Kultur, über die Märchen, Legenden und Götter. Ein bunter Reigen, nur viel poetischer, denn Shumona Sinhas Sprache sucht ihresgleichen: schillernd ihre Bilder, exakt ihre Beobachtungen. An einigen Stellen musste ich etwas recherchieren, um das Buch zu verstehen – etwas Hintergrundwissen in indischer Geschichte schadet also nicht –, an einigen anderen war der Lesefluss etwas zäh. Trotzdem ein lohnendes Buch.

Über die Autorin: Shumona Sinha (* 1973 in Kalkutta) lebt seit 2001 in Paris, wo sie an der Sorbonne Literaturwissenschaft studierte. Ab 2009 war sie als Dolmetscherin für Asylsuchende tätig, nach der Veröffentlichung von „Erschlagt die Armen!“ 2011, in dem sie das Asylsystem Frankreichs infrage stellt, verlor sie ihre Arbeit bei der französischen Migrationsbehörde, erhielt aber zahlreiche literarische Auszeichnungen, unter anderem den Internationalen Literaturpreis 2016. Für ihren dritten Roman „Kalkutta“ wurde sie mit dem Prix du Rayonnement de la langue et de la littérature française der Académie française und dem Grand Prix du Roman de la Société des gens de lettres ausgezeichnet.

Über die Übersetzerin: Lena Müller (* 1982) ist freie Übersetzerin. Sie studierte literarisches Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim und Erwachsenenbildung und Kulturvermittlung in Paris. Außerdem ist sie Mitherausgeberin und Redakteurin der französischsprachigen Zeitschrift „timult“.

Shumona Sinha: Kalkutta. Edition Nautilus: 2016. Hardcover, 192 Seiten.

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